Kenntnisreich und in mitreißendem Schreibstil beleuchtet Rüdiger Safranski den Lebenslauf Johann Wolfgang Goethes (1749-1832). Inhalte, Entstehungsgeschichte und gedanklicher Hintergrund der einzelnen Werke Goethes werden erst dann wirklich verständlich, wenn sie in einen (mit dieser Safranski-Biografie ausgezeichnet gelungenen) Bezug zu den verschiedenen Lebensstationen Goethes, seiner Persönlichkeit und zum zeitgenössischen Umfeld gesetzt werden. Rüdiger Safranski erläutert beispielsweise, warum einzelne Werke anlassbezogen in wenigen Tagen entstanden, während Goethe an seinem „Faust“ – mit Unterbrechungen – sechs Jahrzehnte arbeitete, also über diverse Lebensphasen hinweg.

Nach der Lektüre dieser intensiv wirkenden Biografie versteht ein potenzieller Goethe-Leser dessen Werke bestimmt nicht mehr als eine bloß fremdartig wirkende Literatur aus längst vergangenen Zeiten. Vielmehr erscheint jedes Buch Goethes und auch sein Gesamtwerk nach der Lektüre dieser Biografie in einem völlig neuen Licht: So bedeutete etwa „Poesie“ für Goethe nicht eine beliebige, von der Realität losgelöste „Erfindung“ irgendwelcher Inhalte, sondern eine verstärkte Darstellung, eine Erhöhung realer Sachverhalte und Gefühle, so wie er sie eben zu einem bestimmten Zeitpunkt empfunden hat.

Über die Befriedigung eines rein historischen Interesses hinaus wird dem heutigen Leser der konkrete Nutzen deutlich, den er in der Gegenwart aus den Erkenntnissen des weit vorausschauenden Goethe ziehen kann. Jeder Leser dürfte sich nicht nur in den gleichermaßen weitgreifenden und unmittelbar eingängigen Erkenntnissen Goethes, sondern auch in den präzise beschriebenen Eigenschaften von Protagonisten und auch an historischen Schauplätzen wiederfinden.

Biograf Safranski versteht es auf wirklich faszinierende Weise, den Leser mit Goethe und mit zahlreichen seiner Bekannten und Freunde aus Frankfurt, Weimar und Jena, aus Leipzig, Zürich und Berlin, aus Düsseldorf, Wiesbaden oder Elberfeld vertraut zu machen – von Herder, Lavater, Brentano und Humboldt, von Metternich bis Napoleon, von Lilli Schönemann und Charlotte von Stein bis zu Christiane Vulpius – um nur ganz wenige zu nennen.

Wer diese Biografie gelesen hat, der wird sich auch den so individuellen, so unterschiedlichen Einzelwerken des „Meisters aus Deutschland“ mit unvergleichlich größerem Verständnis, wie mit weit geöffneten Augen annähern können. Die Bücher des „großen Meisters aus Deutschland“ bekommen eine viel tiefere Bedeutung – als dies vielleicht in so manchem Schulunterricht (schon aus Zeitgründen) möglich war.

Buch-Empfehlung: Eine mitreißende Biografie, die nicht nur den Protagonisten Johann Wolfgang Goethe, den Frankfurter Bürger aus gut situierter Familie und den Staatsminister von Sachsen-Weimar wieder zum Leben zu erwecken scheint, sondern in ungemein eindrücklicher Darstellung auch den praktischen Nutzen der Erkenntnisse Goethes für unsere heutige Zeit vermittelt.

Rüdiger Safranski stellt die wesentlichen Gedanken und Werke von Friedrich Nietzsche sehr klar und überzeugend vor – unter Verknüpfung mit der Biografie des Philosophen: Nur auf diese Weise lassen sich die teils widersprüchlichen Aussagen einordnen, die Friedrich Nietzsche zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebenslaufs entwickelte. Das Nietzsche-Werk Safranskis zeichnet sich durch einen klaren roten Faden aus. Der Autor verfügt über ein faszinierendes Universalwissen, das es ihm fast spielerisch ermöglicht, komplexe Zusammenhänge gut verständlich aufzuzeigen.

Safranski arbeitet die Verbindung Nietzsches mit dem zeitgenössischen Hintergrund heraus und verdeutlicht die gewaltige Wirkung Nietzsches auf nachfolgende Philosophen-Generationen, aber auch auf Politik und Gesellschaft. Gedankenlinien führen beispielsweise zu Sigmund Freud, Martin Heidegger, Thomas Mann, Henri Bergson, Adorno/Horkheimer und Michel Foucault. Der Autor erläutert, wie es dazu kam, dass einige Nietzsche-Äußerungen einseitig für bestimmte (insbesondere politische) Zwecke missbraucht werden konnten. Eine im Anhang befindliche „Chronik“ enthält eine nach einzelnen Kalenderjahren strukturierte, stichwortartige Nietzsche-Biografie.

Rüdiger Safranski verfügt über einen sehr gut verständlichen Schreibstil – bei dem jedoch jeder einzelne Satz von Bedeutung ist. Jedes Wort scheint bei Safranski abgewogen. Kein Satz ist überflüssig. Das heißt für den Leser: Jeder Satz muss „ernst genommen“ werden, nichts darf schnell einmal „überlesen“ werden – weil sonst das Verständnis für die fein gewobenen Gedankengänge des Autors verloren ginge.

Man wird bestimmt nicht jedem einzelnen Gedanken Nietzsches wortwörtlich folgen wollen, aber aus der wirbelnden Ideenwelt des Philosophen Friedrich Nietzsche ergeben sich sicherlich vielfältige Erkenntnisse und Gedankenanstöße.

Lesenswert – für jeden, der Grundlagen und Zusammenhänge europäischer Kultur verstehen möchte.

 

Wieviel Streben nach Wahrheit tut gut? Zwischen innerer Wahrheitssuche und den Anforderungen der Außenwelt
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Rüdiger Safranski beschreibt eindrucksvoll verschiedene Wahrheitsmodelle und zeigt die Utopie von der Erreichbarkeit einer Übereinstimmung zwischen Innenwelt und Außenwelt auf.
Die Suche nach Wahrheit, so Safranski, setze zunächst die Trennung von Sein und Bewusstsein voraus – denn das Bewusstsein raube die unmittelbare Leichtigkeit des Seins. Es trenne die Gedanken vom Sein und löse damit Schmerz über den Verlust der „Einheit“ aus.
Wer alles leben wolle, was er zu Denken imstande sei, meint der Autor, der verwüste sein Leben.
Wer nichts zu denken wage, weil er das Gedachte dann vielleicht nicht konsequent umsetzen könnte, dessen Leben verarme.

Safranski beleuchtet die Wahrheits-Bilder insbesondere von Rousseau, Kleist und Nietzsche, die sich „gegen den Rest der Welt“ gestellt hätten.

Rousseau sei davon überzeugt gewesen, dass bestimmte Formen der Vergesellschaftung den Menschen in die Unwahrheit geführt haben. Streben nach Besitz führten zu Konkurrenz, Macht, Hierarchie, Misstrauen, Maskaraden und Täuschungen. Nur der Rückzug aus gesellschaftlichen Konventionen könne zur Entdeckung der Wahrheit in sich selbst führen.

Kleist habe die empfundene Sinnlosigkeit zunächst mit der Entwicklung und Verfolgung eines Lebensplans überwinden wollen, der den Zufall („Signatur der Sinnlosigkeit“) ausschließen sollte. Sein Lebensplan sei beseelt vom Geist des Machbaren und vom Willen zu schrankenloser Selbstbewirtschaftung. Aus Sicht von Kleist habe jedoch Kant (der „Alleszermalmer“) das Vertrauen in die Vernunft dadurch vernichtet, dass er die Nichtexistenz einer absoluten Wahrheit nachgewiesen habe. Nachdem der Glaube Kleists an die Vernunft zerstört gewesen sei, hätten sich ihm Ehrgeiz und Geltungsdrang als „Gift für alle Freuden“ dargestellt. Die Welt sei nur als ästhetisches Phänomen zu rechtfertigen.

Nietzsche habe sich als Aufklärer gegen Illusionen und Einbildungen (die „Unterwelt des Ideals“) verstanden. Am Anfang seiner Religionskritik stehe die Erkenntnis, dass erst der menschliche Geist die Religion hervorgebracht habe. Anstatt die Erde in ein Paradies zu verwandeln, richteten sich die Hoffnungen der Religion auf ein eingebildetes Jenseits. Nietzsche habe versucht, das als unerträgliche empfundene Leben durch Philosophie, Weisheit und Kunst in eine unendliche Leidenschaft zu verwandeln. Nietzsche stelle auch die Frage danach, wie viel Wahrheit ein Mensch brauche – nach der Proportionalität des Bekömmlichen. Zuletzt bestehe Nietzsches Wahrheit in der Erkenntnis einer sinnverlassenen Welt. Leben sei „Wille zur Macht“ – vor allem über sich selbst.