Der Arzt, Theologe, Philosoph und Musikwissenschaftler Albert Schweitzer (1975-1965) empfand seine „Kulturphilosophie“ als eines seiner bedeutendsten Werke.

Die „Kulturphilosophie“ Albert Schweitzers besteht aus insgesamt drei Bänden.
• Die vorliegende Beck’sche Buchausgabe enthält die ersten beiden Bände der Kulturphilosophie („Verfall und Wiederaufbau der Kultur“ sowie „Kultur und Ethik“), die 1923 erstmals erschienen sind.
• Der dritte Band der „Kulturphilosophie“ („Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben“, im vorliegenden Buch nicht enthalten) wurde aus dem Nachlass von Albert Schweitzer veröffentlicht.

Verfall und Aufbau der Kultur
Teilweise ganz überragende und eindrucksvolle Ausführungen. Die von Schweizer vor einhundert Jahren geschriebene Darstellung der „kulturhemmenden Umstände in unserem wirtschaftlichen und geistigen Leben“ klingen genau so, als hätte sie ein Autor gerade gestern verfasst – in unserer Zeit und über unsere Zeit. Geradezu genial.

Kultur und Ethik
Der Teilband „Kultur und Ethik“ enthält einen kompakten Abriss der Philosophiegeschichte.
• Dabei beschreibt Schweitzer zunächst die Lebens- und Weltanschauung sowie den individuellen Kultur-Bezug der jeweiligen Philosophie-Richtung.
• Besonders gut gelungen ist Schweitzer die jedes Einzelkapitel abschließende, sehr präzise Analyse der seiner Sicht kritikwürdigen Elemente der verschiedenen Philosophie-Richtungen.
• Aufbauend auf diesen Philosophie-Kritiken entwickelt Albert Schweitzer (inhaltlich gut nachvollziehbar und überzeugend) seine Vorstellungen von Kultur, Ethik, Lebens- und Weltanschauung: Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.

Themenbereiche unter anderem:
• abendländischer und indischer Kulturbegriff
• Weltanschauung der Weltreligionen
• Ethik und Kultur der griechisch-römischen Philosophie
• Ethik und Weltanschauung der Renaissance,
• Ethik im 17. und 18. Jahrhundert
• Kultur im Zeitalter des Rationalismus
• Weltanschauung bei Kant, Spinoza, Leibniz, Fichte, Goethe, Schiller, Schleiermacher, Schopenhauer, Nietzsche u. a.
• Die Kulturphilosophie Albert Schweitzers: die von tiefer Humanität geprägte Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben

Empfehlung: Die „Kulturphilosophie“ von Albert Schweitzer ist insbesondere denjenigen sehr zu empfehlen, die bereits über philosophische Grundkenntnisse verfügen und daher die Besonderheiten der philosophischen Weltanschauung Schweitzers (in Abgrenzung zu anderen Sichtweisen) erkennen und bewerten können.

 

 

Die Autorin beginnt mit einem Gedankenexperiment zur Quantenphysik („Schrödingers Katze“), bevor sie die historische Entwicklung von der klassischen Physik zur Quantentheorie vorstellt (unter anderem die wissenschaftlichen Beiträge von Isaac Newton, Clerk Maxwell, Max Planck, Albert Einstein, Werner Heisenberg und Niels Bohr).
• Max Planck und das elementare Wirkungsquantum
• Unschärferelation Werner Heisenbergs
• Kopenhagener Deutung (Heisenberg und Bohr)
• Einstein versus Heisenberg
• Kopenhagener Deutung versus Multiwelt-Theorie

Röhlein vergleicht die Aussagen von Quantenphysik und klassischer Physik:
Wahrscheinlichkeit und Zufall treten an die Stelle strenger Kausalität mit ihrem Ursache-Wirkung-Prinzip.
• Wenn statistische Wahrscheinlichkeiten die Gewissheiten ersetzen, bedeutet dies eine Abkehr von der Kausalität als Wirkprinzip?
• Wie lassen sich die unterschiedliche Wirkprinzipien der (quantenphsikalischen) Mikrowelt und der vom Kausalitätsprinzip bestimmten Makrowelt in Einklang bringen?
• Wie durch Beobachtung und Messung aus Wahrscheinlichkeit Realität wird.

Ferner werden auch folgende Themen behandelt:
• die Schnittpunkte der Quantenphysik zu klassischer Physik und zur Chemie
Eigenschaften des Lichts, Spektrallinien, Absorptionslinien und Emissionslinien und was sich aus Struktur und Besonderheiten von Spektrallinien folgern lässt
• das Phänomen Licht als Welle und Teilchen: Wellentheorie versus Teilchentheorie, Doppelspalt-Experimente
• die Bedeutung der Quanten
Photonen als Energiemengen oder Lichtquanten
Quantenzahlen: Bahndrehimpuls, magnetische Quantenzahl, Spin und Spinquantenzahl
• die Bahnen von Elektronen: die möglichen Energieniveaus von Elektronen
• das Pauli-Prinzip: atomar gebundene Elektronen verfügen niemals über identische Quantenzahlen
• der Wechsel von Elektronen zwischen verschiedenen Atom-Schalen
• die Polarisation von Lichtwellen im Raum: die Richtung des Lichts im Raum, Polarisationsfilter
• Tunnel-Effekt
• Ionen-Fallen
• Quantentheorie und die Theorie der chaotischen Inflation

Das Schlusskapitel enthält eine ausführliche Darstellung praktischer Anwendungsbeispiele der Quantenphysik wie beispielsweise Lasertechnologie, Supraleiter, Medizintechnik (Kernspintomografie), Mikroelektronik und Quantencomputer.

Empfehlung: Natürlich ist auf knapp 120 Textseiten nur ein erster Überblick über die Quantenphysik möglich. Geeignet ist dieses Buch für alle, die einen leicht verständlichen und anschaulichen Einstieg in ein Wissensgebiet suchen, dass gleichermaßen für Mikro- und Astrophysik von zentraler Bedeutung ist.

 

Kenntnisreich und in mitreißendem Schreibstil beleuchtet Rüdiger Safranski den Lebenslauf Johann Wolfgang Goethes (1749-1832). Inhalte, Entstehungsgeschichte und gedanklicher Hintergrund der einzelnen Werke Goethes werden erst dann wirklich verständlich, wenn sie in einen (mit dieser Safranski-Biografie ausgezeichnet gelungenen) Bezug zu den verschiedenen Lebensstationen Goethes, seiner Persönlichkeit und zum zeitgenössischen Umfeld gesetzt werden. Rüdiger Safranski erläutert beispielsweise, warum einzelne Werke anlassbezogen in wenigen Tagen entstanden, während Goethe an seinem „Faust“ – mit Unterbrechungen – sechs Jahrzehnte arbeitete, also über diverse Lebensphasen hinweg.

Nach der Lektüre dieser intensiv wirkenden Biografie versteht ein potenzieller Goethe-Leser dessen Werke bestimmt nicht mehr als eine bloß fremdartig wirkende Literatur aus längst vergangenen Zeiten. Vielmehr erscheint jedes Buch Goethes und auch sein Gesamtwerk nach der Lektüre dieser Biografie in einem völlig neuen Licht: So bedeutete etwa „Poesie“ für Goethe nicht eine beliebige, von der Realität losgelöste „Erfindung“ irgendwelcher Inhalte, sondern eine verstärkte Darstellung, eine Erhöhung realer Sachverhalte und Gefühle, so wie er sie eben zu einem bestimmten Zeitpunkt empfunden hat.

Über die Befriedigung eines rein historischen Interesses hinaus wird dem heutigen Leser der konkrete Nutzen deutlich, den er in der Gegenwart aus den Erkenntnissen des weit vorausschauenden Goethe ziehen kann. Jeder Leser dürfte sich nicht nur in den gleichermaßen weitgreifenden und unmittelbar eingängigen Erkenntnissen Goethes, sondern auch in den präzise beschriebenen Eigenschaften von Protagonisten und auch an historischen Schauplätzen wiederfinden.

Biograf Safranski versteht es auf wirklich faszinierende Weise, den Leser mit Goethe und mit zahlreichen seiner Bekannten und Freunde aus Frankfurt, Weimar und Jena, aus Leipzig, Zürich und Berlin, aus Düsseldorf, Wiesbaden oder Elberfeld vertraut zu machen – von Herder, Lavater, Brentano und Humboldt, von Metternich bis Napoleon, von Lilli Schönemann und Charlotte von Stein bis zu Christiane Vulpius – um nur ganz wenige zu nennen.

Wer diese Biografie gelesen hat, der wird sich auch den so individuellen, so unterschiedlichen Einzelwerken des „Meisters aus Deutschland“ mit unvergleichlich größerem Verständnis, wie mit weit geöffneten Augen annähern können. Die Bücher des „großen Meisters aus Deutschland“ bekommen eine viel tiefere Bedeutung – als dies vielleicht in so manchem Schulunterricht (schon aus Zeitgründen) möglich war.

Buch-Empfehlung: Eine mitreißende Biografie, die nicht nur den Protagonisten Johann Wolfgang Goethe, den Frankfurter Bürger aus gut situierter Familie und den Staatsminister von Sachsen-Weimar wieder zum Leben zu erwecken scheint, sondern in ungemein eindrücklicher Darstellung auch den praktischen Nutzen der Erkenntnisse Goethes für unsere heutige Zeit vermittelt.

Die Biografin Elisabeth Young-Bruehl (1946-2011) war einst Studentin bei der Philosophin, Politik-Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) an der New Yorker School School for Social Research. Für die Ausarbeitung der vorliegenden Biografie standen des Psychotherapeutin Young-Bruehl auch der Arendt-Nachlass und die umfangreiche Korrespondenz Arendts weitestgehend zur Verfügung. Die Biografie vermittelt einen fachlich detaillierten, aber auch emotional berührenden Einblick in Persönlichkeit, Lebenslauf und die wichtigsten Werke Hannah Arendts.

Zu den Hauptwerken Hannah Arendts gehören „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (politisch) sowie „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (philosophisch). Eine besondere Rolle spielt die Arendt-Biografie über die jüdisch geborene und 1814 zum Christentum konvertierte Rahel Varnhagen (1771-1833), die von 1790 bis 1806 einen bedeutenden literarischen Salon in Berlin führte und der sich Hannah Arendt in verschiedener Hinsicht nahe fühlte.

Die Wurzeln der im ostpreußischen Königsberg ansässigen jüdischen Familien Arendt und Cohn werden ebenso eingehend beleuchtet wie alle wichtigen Lebens- und Berufsstationen Arendts. Hervorragend gelungen ist der Biografin auch die Einbettung der Lebensgeschichte Hannah Arendts in ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund – zwischen verlorener deutscher Heimat, jüdischer Identität, einem für Spätgeborene kaum vollumfänglich nachvollziehbaren Grauen des Nationalsozialismus und der neuen Heimat USA.

Nach ihrer Emigration aus Deutschland (1933) und dem Verlust ihrer deutschen Staatsangehörigkeit (1937) erhielt Arendt erst nach langer und schmerzhaft empfundener Staatenlosigkeit im Jahr 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hannah Arendt zu einer wirkmächtigen Professorin, Journalistin, Historikerin und „politischen Philosophin“ – vor dem Hintergrund von israelischer Staatsgründung, Eichmann-Prozess in Jerusalem, Vietnam-Krieg, Black-Power-Bewegung in den USA, Ermordung von John F. Kennedy und Martin Luther King sowie Watergate-Skandal.

Leben und Denken Hannah Arendts wurde von den Kontakten zu Martin Heidegger, bei dem sie zwei Semester Philosophie in Marburg studierte, sowie durch die lebenslange Verbundenheit zu Karl Jaspers wesentlich mitgeprägt, bei dem sie in Heidelberg promoviert hatte.

 

Rüdiger Safranski stellt die wesentlichen Gedanken und Werke von Friedrich Nietzsche sehr klar und überzeugend vor – unter Verknüpfung mit der Biografie des Philosophen: Nur auf diese Weise lassen sich die teils widersprüchlichen Aussagen einordnen, die Friedrich Nietzsche zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebenslaufs entwickelte. Das Nietzsche-Werk Safranskis zeichnet sich durch einen klaren roten Faden aus. Der Autor verfügt über ein faszinierendes Universalwissen, das es ihm fast spielerisch ermöglicht, komplexe Zusammenhänge gut verständlich aufzuzeigen.

Safranski arbeitet die Verbindung Nietzsches mit dem zeitgenössischen Hintergrund heraus und verdeutlicht die gewaltige Wirkung Nietzsches auf nachfolgende Philosophen-Generationen, aber auch auf Politik und Gesellschaft. Gedankenlinien führen beispielsweise zu Sigmund Freud, Martin Heidegger, Thomas Mann, Henri Bergson, Adorno/Horkheimer und Michel Foucault. Der Autor erläutert, wie es dazu kam, dass einige Nietzsche-Äußerungen einseitig für bestimmte (insbesondere politische) Zwecke missbraucht werden konnten. Eine im Anhang befindliche „Chronik“ enthält eine nach einzelnen Kalenderjahren strukturierte, stichwortartige Nietzsche-Biografie.

Rüdiger Safranski verfügt über einen sehr gut verständlichen Schreibstil – bei dem jedoch jeder einzelne Satz von Bedeutung ist. Jedes Wort scheint bei Safranski abgewogen. Kein Satz ist überflüssig. Das heißt für den Leser: Jeder Satz muss „ernst genommen“ werden, nichts darf schnell einmal „überlesen“ werden – weil sonst das Verständnis für die fein gewobenen Gedankengänge des Autors verloren ginge.

Man wird bestimmt nicht jedem einzelnen Gedanken Nietzsches wortwörtlich folgen wollen, aber aus der wirbelnden Ideenwelt des Philosophen Friedrich Nietzsche ergeben sich sicherlich vielfältige Erkenntnisse und Gedankenanstöße.

Lesenswert – für jeden, der Grundlagen und Zusammenhänge europäischer Kultur verstehen möchte.

 

Für seinen 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ erhielt Thomas Mann (1875-1955) im Jahr 1929 den Nobelpreis für Literatur.

Der Zauberberg ist ein Bildungsroman, der die persönliche Entwicklung des Protagonisten Hans Castorp über einen mehrjährigen Zeitraum darstellt. Der 24-jährige Ingenieur Castorp reist 1907 von seiner Heimatstadt Hamburg in den schweizerischen Kurort Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der sich wegen einer Tuberkulose-Erkrankung in einem dortigen Sanatorium aufhält.

Die Relativität der „Zeit“ thematisiert Thomas Mann in verschiedensten Zusammenhängen. Das Zeitempfinden wird offenbar stark beeinflusst von der jeweiligen Lebenssituation und der Gedanken- und Gefühlswelt des einzelnen Menschen. Auch der Handlungsablauf des Romans ist mit verschiedenen „Zeit-Geschwindigkeiten“ unterlegt: Während die ersten Monate des Castorp‘schen Aufenthalts in Davos zeitdehnend etwa die Hälfte des Romans einnehmen, entfällt auf den über sechsjährigen „Rest“-Abschnitt zeitraffend ein ähnliches Roman-Volumen.

Offenbar besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem individuellen Zeitempfinden und den im „Zauberberg“ behandelten Motiven Leid, Krankheit und Tod, die im Sanatorium zwar allgegenwärtig sind, aber von den Kranken doch oft verdrängt werden. Thomas Mann beschreibt detailliert die unterschiedlichsten Charaktere der aus ganz Europa stammenden Patienten, die im Sanatorium – manchmal zurecht, oft vergeblich – auf Heilung hoffen.

Der Ingenieur Castorp befasst sich in Davos intensiv mit verschiedensten naturwissenschaftlichen Themen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Flora der Schweizer Alpen. Auch die Erkundung von Musik und Kunst spielen für den wissensbegierigen Castorp. Castorp wächst zunehmend aus der Rolle eines Sanatoriums-Besuchers in diejenige eines „Bildungsreisenden“, der schließlich die Kontakte in seine Heimat („Flachland“) abbricht und sich in der Welt des Sanatoriums heimisch wird.

An den intensiven philosophischen und politischen Diskussionen zwischen seinen Mentoren Settembrini und Naphta nimmt Castorp vorwiegend als von den Diskutanten hart umkämpfter Zuhörer teil. Die Figuren Settembrini und Naphta verkörpern gegensätzliche, ja fanatisch unversöhnliche Ideologien: Settembrini vertritt als Humanist und Freimaurer Positionen der individuellen „Freiheit“, der Jesuit Naphta lehnt die individuelle Freiheit zugunsten eines auf Terrorismus gestützten Gottesstaates ab. Letztlich setzt sich keiner der beiden Kontrahenten mit seiner „Vernunft“-Idee durch: Während Naphta anlässlich eines Duells mit Settembrini Selbstmord begeht, erliegt Settembrini schließlich seinem Tuberkulose-Leiden.

Einen völlig anderen Charakter stellt Thomas Mann mit der Figur des Niederländers Mynheer Peeperkorn vor. Peeperkorn überzeugt nicht durch den Inhalt seiner (zumeist vom Satzbau her unvollständigen) Kommunikation, sondern durch seine natürliche Autorität, mit der er sich als unwidersprochene Leitfigur innerhalb einer Gruppe positioniert.

Aus dem von Castorp zunächst geplanten dreiwöchigen Besuch in Davos wird schließlich ein siebenjähriger Aufenthalt: Erst 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges reist Castorp in die Heimat zurück, um als Soldat an vorderster Front mitzukämpfen. Hier verliert sich zum Abschluss des Romans die Spur Hans Castorps. So wird „Der Zauberberg“ letztlich zu einer Beschreibung den Verfalls – die lange Zeit fragil zwischen Hoffnung und Krankheit schwankt und schließlich im Todes-„Donnerschlag“ Weltkrieg endet.

 

Haben oder Sein – wohl eine Frage des Überlebens der Menschheit – und vielleicht aktueller denn je
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„Haben oder Sein“, das Hauptwerk des Psychoanalytikers und Philosophen Erich Fromm (1900-1980) erschien 1976Fromm vergleicht die Lebensformen des Habens und des Seins und entwirft eine individuelle und gesellschaftliche Vision der Wege, auf denen die Lebensform des Seins schrittweise erreicht werden könnte.

Der Lebenseinstellung des Habens werde, so Erich Fromm, von Gewinnsucht und Machtstreben bestimmt. Die Verhaltensweise des Habens löse Aggressionen aus und verursache Gier, Neid und Gewalt. Die Welt des „Habens“ habe sich im Mittelalter ausgebildet und führe die Welt heute in den psychischen und ökologischen Abgrund.

Um die sich nach Auffassung von Fromm abzeichnende Menschheits-Katastrophe noch abzuwenden, sei ein Übergang in die Lebensform des Seins unabdingbar. Zu den von Fromm vorgeschlagenen Maßnahmen gehören
• die allmähliche Entwicklung von Charakterstrukturen, die am Sein orientiert sind,
• die Eindämmung einer maßlosen Konsum-Orientierung,
• damit einhergehend der Übergang von der Vorstellung eines grenzenlosen auf ein selektives Wachstum sowie
• eine grundlegende Umorganisation von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.

Etliche Jahrzehnte nach seinem Erscheinen hat das Buch Fromms eher noch an Brisanz gewonnen – angesichts
betrügerischer Konzerne, die Verbraucher, Arbeitnehmer und natürliche Ressourcen weltweit hemmungslos ausbeuten,
• einer permanenten Gehirnwäsche, mit der einige Staaten und etliche Unternehmen ihre Interessen gegenüber Bürgern und Verbrauchern (teilweise sehr erfolgreich) durchzusetzen versuchen,
• einer Weltfinanzkrise, deren Ursachen noch längst nicht überwunden sind (Beispiel: Überschuldung von Verbrauchern, Banken und Staaten), sondern deren Symptome von Notenbanken mit einer gefährlichen Geldschwemme lediglich übertüncht wurden,
• eines krakenhaft um sich greifenden Lobbyismus, der zu einer teilweise abstoßenden Verquickung von Wirtschaft und Politik geführt und damit eine Aushöhlung von Rechtsstaat und Demokratie bewirkt hat,
• einer „postfaktischen“ Denkrichtung, die systematisch und religionsartig die Lüge zur Wahrheit verklärt sowie (nicht zuletzt)
• skrupelloser, machtorientierter, egomaner Despoten, die an die Paten einer Mafia-Organisation erinnern, denen es gelungen ist, höchste Staatsämter zu kapern.

Fromms Vision von der Lebensform des Seins ist von brennender Aktualität.

Die Suche nach dem Glück: Unterhaltsame Lektüre mit Tiefgang
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Das „Büchlein“ Anleitung zum Unglücksichsein des Philosophen, Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick (1921-2007)  ist nicht nur leicht, sondern aufgrund seines geringen Umfangs auch schnell zu lesen und von daher sogar als Gutenachtlektüre geeignet. (Der seinerzeit stets zu Späßen aufgelegte Watzlawick verziehe mir sicherlich diese Ironie.)

Unterhaltsam und bildhaft geschrieben, mit einer Ironie, die zuweilen auch erst kurz vor der Grenze des Erträglichen endet, entwickelt die „Anleitung zum Unglücklichsein“ doch ihre tiefsinnigen Wendungen: Die Lage sei hoffnungslos, aber nicht ernst. Nach Alan Watts sei das Leben ein Spiel. Spielregel 1: Das ist kein Spiel, es ist todernst.

Die Grundeinstellung des Autors, seine Philosophie lässt sich leicht aus den von ihm hergestellten gedanklichen Bezügen ableiten: Mit Zitaten Dostojewskis beginnt und endet das Buch, und dazwischen bezieht sich Watzlawick auf Ovid, Nietzsche, Sartre und Karl Popper.

Watzlawick beschreibt unter anderem die „Sei spontan“-Paradoxie: Wie könne jemand noch spontan sein, nachdem er zur Spontaneität aufgefordert worden sei? Zwang und Spontaneität schlössen sich notwendigerweise aus.

Es gebe verschiedene Spielarten dieser Paradoxie, wie sie sich etwa äußere – im hoffentlich gut gemeinten – Wunsch „Sei glücklich!“ oder in der Aufforderung „Deine Pflicht muss dir Spaß machen!“. Wer nach dem Anspruch der Absender solcher Botschaften nicht „spontan“ oder „glücklich“ sei, habe das Gefühl, „schlecht“ zu sein und entwickele dann – wohl leider nicht immer unbeabsichtigt – Schuldgefühle.

Erinnert werden kann auch an das gerade in Großunternehmen häufig proklamierte: „Sei authentisch!“. Wie bloß in Gottes Namen kann „Authentizität“ unter dem Schwert des Zwangs gedeihen? Frei nach dem eher masochistisch anmutenden Motto: „Sei wahrhaft glücklich in der Umsetzung der erhaltenen Befehle!“ – wohl in nie enden wollender Dankbarkeit an die unvergessenen Wohltaten von Diktatoren. Zu hoffen bleibt nur, dass Befehlsempfänger niemals auf etwaige Ratlosigkeiten, Stümperhaftigkeiten oder gar kriminelle Energien zumal oberster Befehlsgeber stoßen. In Deutschland zumindest aber sind wir ja gottlob ganz frei von solchen Abwegen.

Wieviel Streben nach Wahrheit tut gut? Zwischen innerer Wahrheitssuche und den Anforderungen der Außenwelt
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Rüdiger Safranski beschreibt eindrucksvoll verschiedene Wahrheitsmodelle und zeigt die Utopie von der Erreichbarkeit einer Übereinstimmung zwischen Innenwelt und Außenwelt auf.
Die Suche nach Wahrheit, so Safranski, setze zunächst die Trennung von Sein und Bewusstsein voraus – denn das Bewusstsein raube die unmittelbare Leichtigkeit des Seins. Es trenne die Gedanken vom Sein und löse damit Schmerz über den Verlust der „Einheit“ aus.
Wer alles leben wolle, was er zu Denken imstande sei, meint der Autor, der verwüste sein Leben.
Wer nichts zu denken wage, weil er das Gedachte dann vielleicht nicht konsequent umsetzen könnte, dessen Leben verarme.

Safranski beleuchtet die Wahrheits-Bilder insbesondere von Rousseau, Kleist und Nietzsche, die sich „gegen den Rest der Welt“ gestellt hätten.

Rousseau sei davon überzeugt gewesen, dass bestimmte Formen der Vergesellschaftung den Menschen in die Unwahrheit geführt haben. Streben nach Besitz führten zu Konkurrenz, Macht, Hierarchie, Misstrauen, Maskaraden und Täuschungen. Nur der Rückzug aus gesellschaftlichen Konventionen könne zur Entdeckung der Wahrheit in sich selbst führen.

Kleist habe die empfundene Sinnlosigkeit zunächst mit der Entwicklung und Verfolgung eines Lebensplans überwinden wollen, der den Zufall („Signatur der Sinnlosigkeit“) ausschließen sollte. Sein Lebensplan sei beseelt vom Geist des Machbaren und vom Willen zu schrankenloser Selbstbewirtschaftung. Aus Sicht von Kleist habe jedoch Kant (der „Alleszermalmer“) das Vertrauen in die Vernunft dadurch vernichtet, dass er die Nichtexistenz einer absoluten Wahrheit nachgewiesen habe. Nachdem der Glaube Kleists an die Vernunft zerstört gewesen sei, hätten sich ihm Ehrgeiz und Geltungsdrang als „Gift für alle Freuden“ dargestellt. Die Welt sei nur als ästhetisches Phänomen zu rechtfertigen.

Nietzsche habe sich als Aufklärer gegen Illusionen und Einbildungen (die „Unterwelt des Ideals“) verstanden. Am Anfang seiner Religionskritik stehe die Erkenntnis, dass erst der menschliche Geist die Religion hervorgebracht habe. Anstatt die Erde in ein Paradies zu verwandeln, richteten sich die Hoffnungen der Religion auf ein eingebildetes Jenseits. Nietzsche habe versucht, das als unerträgliche empfundene Leben durch Philosophie, Weisheit und Kunst in eine unendliche Leidenschaft zu verwandeln. Nietzsche stelle auch die Frage danach, wie viel Wahrheit ein Mensch brauche – nach der Proportionalität des Bekömmlichen. Zuletzt bestehe Nietzsches Wahrheit in der Erkenntnis einer sinnverlassenen Welt. Leben sei „Wille zur Macht“ – vor allem über sich selbst.

Exzellente Einführung in die Philosophie Jean-Paul Sartres
Hervorragende Heranführung an die existenzialistische Philosophie von Jean-Paul Sartre (1905-1980). Die bedeutendsten philosophischen Werke Sartres werden ausführlich und verständlich besprochen, insbesondere
– Die Wörter
– Der Ekel
– Der Existenzialismus ist ein Humanismus
– Das Sein und das Nichts

Die „Einführung“ überzeugt durch Systematik und gute Nachvollziehbarkeit. Nach der Lektüre ist die Tür zu den Originalwerken Sartres weit geöffnet.
Empfehlenswert.