Der Schriftsteller Siegfried Lenz zeichnet sich durch eine einzigartige, spielerisch-leichte Sprache und seine auch emotional eindringlichen Botschaften aus, mit der der Autor jeden Leser in seinen Bann zieht.
Die vielleicht bedeutendsten drei Werke von Siegfried Lenz (1926 – 2014) präsentiert der Verlag Hoffmann und Campe in einem optisch ansprechenden Schuber:
• Der politisch engagierte Roman Deutschstunde behandelt das Schicksal eines Jugendlichen während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit.
• Eine tragisch endende Liebesbeziehung zwischen einem Schüler und seiner Englischlehrerin bildet den Inhalt der Novelle Schweigeminute.
So zärtlich war Suleyken umfasst zwanzig Kurzgeschichten, die das Lebensgefühl der masurischen Heimat des Autors wiedergeben.

Das zweiteilige Werk des systemvergleichenden Politikwissenschaftlers und Philosophen Alexis de Tocqueville (1805-1859) erschien 1835/1840. In einer historischen Momentaufnahme untersucht Tocqueville die Beziehung von Monarchie und Aristokratie zur Demokratie und nimmt eine Vorausschau künftiger Entwicklungen vor.

Tocqueville analysiert die aus seiner Sicht bestehenden strukturellen Stärken und Schwächen der Demokratie: Messerscharf in der Analyse – und zuweilen nahezu seherisch – untersucht er die Probleme des modernen Massenstaates.

Die von der Demokratie beförderte Gleichheit bewirke Individualität und Vereinzelung. Als Gegengewicht diene die Schaffung von Vereinigungen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken. Ziel sei es nicht, zu verhindern, dass jeder seinen eigenen Interessen folge. Jeder aber solle im eigenen Interesse anständig sein (Lehre vom wohlverstandenen Interesse). (Merkwürdig klingt vor diesem Hintergrund das „postfaktische“ Aufbegehren gegen das – eigentlich selbstverständliche – Gebot der „Korrektheit“).

Das Prinzip der sozialen Nützlichkeit und das Dogma der politischen Notwendigkeit könne in einem demokratischem System den Anlass geben, die individuellen Rechte mit Füßen zu tretenEs gehe also darum, – nicht zuletzt durch Gewaltenteilung, Subsidiaritätsprinzip und Förderung der Gemeindender zentralen Gewalt Grenzen zu setzen. Keine Nation, keine Organisation könne auf Dauer stark bleiben, wenn das Individuum in ihr schwach sei.

Alle Despotien seien in ihre Schranken zu weisen. Gefahr resultiere aus der Allmacht demokratischer Mehrheit. Denn irrtümlich werde angenommen, dass die Mehrheit als solche bereits über größere Weisheit als jeder Einzelne verfüge. Ganz im Gegenteil drohe eine Tyrannei der Mehrheit, die über die Neigungen und Triebe eines Despoten verfüge. Ziel müsse es daher sein, die Macht der Mehrheit zu mäßigen.

Jede Zentralgewalt liebe Gleichheit und Einheitlichkeit: Das erspare ihr die Prüfung vieler Einzelfälle. Zentralisierung vermindere aber sogleich den Bürgergeist; jede Allmacht lasse schließlich die Weisheit vermissen. Die Stärke jeder zentralisierten Verwaltung führe so eines Tages zu ihrem eigenen Untergang. Sie sei am Ende für Zerfall und Eroberung reif.

Die industrielle Klasse trage den Despotismus in sich. Die industrielle Aristokratie bewirke mit immer extremerer Arbeitsteilung die Verdummung und Verelendung der von ihr benutzten Menschen. Diese seien nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere. Die Fähigkeit, selbständig zu denken, zu fühlen und zu handeln, gehe verloren. (In ihrer – hier recht schmucklosen – Brutalität ist der Analyse des Liberalen (!) Tocqueville leider nichts hinzuzufügen.)

Díe Einsichten Tocquevilles schaffen nicht zuletzt Verständnis für einige der US-amerikanischen Wurzeln und die dortige Mentalität. Sie erklären vieles aus der „Ursuppe“ amerikanischen Denkens und Handelns.

Die Wucht seiner mächtigen Analyse hat nicht nur Zeitgenossen wie John Stuart Mill, dem vielleicht bedeutendsten englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, eines Begründers des Liberalismus und den (Wiesbadener) Philosophen Wilhelm Dilthey nachhaltig beeinflusst.

Peter Sloterdijk ist mit seinem Werk Kritik an der zynischen Vernunft ein Geniestreich gelungen: Komprimierte Darstellung philosophischer (und auch psychologischer) Erkenntnisse, großer inhaltlicher Tiefgang und eine sehr gute Lesbarkeit – diese Kombination ist für einen hochrangigen Wissenschaftler alles andere als selbstverständlich.

Sloterdijk analysiert die Unwuchten einer zynischen Geisteshaltung, die der westlichen, durch „Vernunft“ gesteuerten Kultur zugrunde liege. Der Aufruf zur Vernunft („Wissen ist Macht“) führe zu einer künstlichen Trennung von Intellekt und Sinnlichkeit. Es gelte den Zwang der europäischen Neurose zu brechen, die durch Vernunftanstrengung Glück zu erreichen suche.

Sloterdijk zeigt im Rahmen einer sorgfältigen „historischen Psychopathologie“ die Entwicklungslinien der zynischen Denkhaltung vom Wilhelminismus über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis in die Gegenwart auf. In der Weimarer Republik habe sich der Aufklärung ein wütender Widerstand gegen das „zersetzende“ Gespräch über Wahrheit entgegengestellt. (Stromlinienförmige „Loyalität“, die sich kaum von Kadavergehorsam unterscheidet, beansprucht keine Exklusivität für die Weimarer Republik, sondern ist auch für viele der heute in Staat und vor allem in Großunternehmen Machthabenden von allergrößter Bedeutung. „Aufklärung“ ist nicht gefragt, sondern wird lieber unter Strafe gestellt.)

Zynismus sei das „aufgeklärte falsche Bewusstsein“, das seine Aufklärungslektion gelernt, aber nicht vollzogen habe: Handeln wider besseres Wissen. Die bessere Einsicht werde den „Zwängen“ geopfert. „Trotz allem, erst recht.“ „Wenn schon, denn schon“. Die zynische Denkstruktur gehe mit einer Selbstdemontage hochkultureller Ethik einher.

Der neuzeitliche Zynismus äußere sich im schiefen Lächeln offener Unmoral, als seien die allgemeinen Gesetze nur für die Dummen da. Es seien Mächtige, die so lächeln. (So ist es wohl.) Die Perspektivlosigkeit und Zerrissenheit der heutigen Gesellschaft zeige sich in drastischen Gegensätzen: Skrupellose Unternehmer und abgebrühte Systemstrategen treffen nach Sloterdijks Beobachtung auf desillusionierte Aussteiger und ideallose Verweigerer. 
Die gegenwärtigen Vernunft-Zyniker seien Melancholiker, die ihre depressiven Symptome unter Kontrolle halten, um einigermaßen arbeitstüchtig zu bleiben. Denn dem Zynismus der Gegenwart komme es vor allem auf die Arbeitsfähigkeit seiner Träger an. Dumm sein und Arbeit haben – das sei das Glück. Intelligent sein und dennoch seine Arbeit verrichten – das sei das Unglück. Dumm und arglos könne das aufgeklärte Bewusstsein nicht mehr werden – Unschuld sei nicht wiederherzustellen.

Die gegenwärtig herrschenden Zyniker seien nicht dumm, so Sloterdijk – sie sähen durchaus das Nichts, zu dem alles führe. Die Naivität der anderen müsse gut geplant werden: Es sei für die Vernunft-Zyniker immer eine gute Investition, den naiven Arbeitswillen anderer zu pflegen.
Scharfe Einsichten in eine zynische Vernunft-Kultur. Empfehlenswert.

Antonio Damasio beschreibt aus Sicht der Neurobiologie, was Gefühle sind und was sie bewirken. Das Verständnis der Gefühle ist für ihn die Voraussetzung für den Entwurf eines Menschenbildes. Damasio versteht sich zuerst als Naturwissenschaftler, dann als Biologe, dann erst als Neurobiologe. Tatsächlich bewegt sich der Autor an der Schnittstelle zwischen Neurobiologie, Psychologie und Philosophie.

Zunächst untersucht Damasio die Begriffe Emotion und Gefühl bis in neurobiologisch-medizinische Details und befasst sich dann intensiv sowohl mit der Philosophie und der persönlichen Historie Spinozas als auch mit der sephardisch-jüdischen Geschichte, vor deren Hintergrund Spinoza zu interpretieren ist.
Ausgehend von der Unterscheidung von Emotionen (Zuordnung zum Körper) und Gefühlen (Zuordnung zum Geist) lautet die Kernthese Damasios, dass Emotionen den Gefühlen vorauslaufen. In Abweichung von Descartes` Aussage: Je pense, donc je suis, setzt Damasios Gedankenkette früher an, nämlich bei den Gefühlen, die vor den Gedanken stehen: Je sens, donc je pense, donc je suis.

Mit starkem Understatement behauptet Damasio, er sei kein Philosoph, sondern schlichter Biologe. Aber dann beweist er seine große Kenntnis nicht nur Spinozas, sondern grenzt ihn vor allem gegen Descartes ab und zeigt Bezüge zu Aristoteles, Kant, Hegel, Freud und Einstein auf. Für Damasio ist Spinoza ein Vorreiter naturwissenschaftlichen Denkens, eine Art Vorzeigephilosoph, fast ein Schutzpatron der Naturwissenschaftler.

Im Gegensatz zu Descartes gehe Spinoza davon aus, dass Geist und Körper parallele Merkmale ein- und derselben Substanz seien. Schon Spinoza habe das Wesen von Emotionen und Gefühlen und die Beziehung zwischen Geist und Körper untersucht. Spinoza sei ein Vorläufer des modernen biologischen Denkens.
Hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Gut und Böse führt Damasio aus, dass dasjenige gut sei, was dauerhaft und zuverlässig Freude hervorrufe. Eine gute Handlung sei eine solche, die in diesem Sinne Gutes bewirke und anderen Individuen keinen Schaden zufüge. Die Freiheit liege, so meint Damasio folgerichtig, in der Verringerung objektbezogener emotionaler Bedürfnisse, die uns versklavten.
Hochentwickelte Gesellschaften, sagt Damasio, würden einen schamlosen Kult mit Gefühlen betreiben und sie mit viel Aufwand manipulieren. Politik orientiere sich an einem unzulänglichen Menschenbild, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriere – mit der Folge von Korruption und selbstsüchtigem Verhalten.

Die renommierte Psychoanalytikerin Verena Kast analysiert das Spannungsverhältnis zwischen Aggressor und Opfer und entwickelt das Alternativmodell des Gestalters.

Nur am Rande berührt die Autorin  – ganz behutsam und fast unbemerkt – gesellschaftliche Zusammenhänge, wenn sie etwa – lediglich in einem Nebensatz – darauf verweist, dass „ein System, dass so sehr auf Macht, Reichtum und Ansehen basiert, weggeschlossene Leichen hat.“ Ja, da könnte sie wohl recht haben – warum nur so beiläufig?

Denn dass psychologische Erkenntnis natürlich auch für Kast eine große gesellschaftliche Relevanz hat, zeigt sie in ihrem Schlusskapitel, darauf hinweisend, dass es darum gehe, Macht zu opfern und das Leben nicht auf Machtstreben, Dominanz und Unterwerfung zu reduzieren.

Und auch das von Verena Kast herausgearbeitete Phänomen der Identifikation des Opfers mit dem Angreifer ist gerade angesichts einer ja unverändert streng hierarchisch geprägten Wirtschaftsordnung aktueller denn je: Die machthungrigen Aggressoren konnten uns bislang jedenfalls nicht nachweisen, dass sie über ein grundpositives, nachhaltig überzeugendes Geschäfts- und Lebensmodell verfügen.

Mit ihrem Alternativmodell des Gestalters setzt Verena Kast dagegen einen angenehm-ausgleichenden und auf persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung gerichteten wertvollen Impuls.

 

Exzellenter Einstieg in die Philosophie, wunderbar geschrieben.
Der Philosoph und Politologe Luc Ferry, früherer französischer Erziehungsminister beschreibt in seinem Buch mit dem eher wenig aussagekräftigen Titel „Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung“ fünf philosophische (bzw. religiöse) Gedankengebäude: Den griechisch-römischen Stoizismus, das Christentum, den Humanismus (mit den Hauptrepräsentanten Descartes, Rousseau und Kant), die Postmoderne (insbesondere Nietzsche) und die zeitgenössische Philosophie nach der „Dekonstruktion“ (durch Nietzsche und seine ideengeschichtlichen Nachfolger).

Ferry stellt die einzelnen Denkrichtungen zunächst neutral dar – jeweils gegliedert nach den drei philosophischen Hauptthemen: Theorie (Verständnis dessen, was ist), Ethik/Moral (Bedürfnis nach Gerechtigkeit/wie sollte es sein?) und Weisheit (Suche nach Glück).

Daran anschließend nimmt der Autor Stellung und begründet schließlich seine Position als Humanist des „erweiterten Denkens“, der auf eigene Positionierung nicht verzichtet, aber sich für andere Philosophie-Richtungen öffnet, um seine Sichtweise kontinuierlich zu erweitern. Sein Arbeitsprintip lautet: Zu sich selbst auf Distanz gehen, um Selbstreflexion zu ermöglichen.

Der Titel „philosphische Gebrauchsanweisung“ erscheint eher nichtssagend und sehr austauschbar – wohl eine vergebene Chance, noch mehr – berechtigte – Aufmerksamkeit für ein wirklich überzeugendes Werk zu erzielen… sehr kompakter, unter prägnanten Schwerpunktsetzungen klar strukturierter und dabei leicht lesbarer Gesamtüberblick über die wesentlichsten philosophischen Grundrichtungen.
Empfehlung: Selbst mehrfaches Lesen dieses Buches ist keine Zeitverschwendung..

Über rücksichtslose Befehlsgeber und zwanghafte Befehlsempfänger.
Der Jugendliche Siggi Jepsen ist Protagonist des 1968 erschienenen Romans Deutschstunde von Siegfried Lenz. Ende des Zweiten Weltkrieges wird Siggi in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche zu einer Strafarbeit zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ verurteilt. Aber anstatt seine Aufgabe in kurzer Zeit abzuschließen, erschafft er in monatelanger Arbeit ein detailliertes Bild seiner Familie sowie der dörflichen Gemeinschaft, in der er aufgewachsen ist und wird sich so seiner eigenen Persönlichkeit bewusst. Der Roman von Siegfried Lenz spiegelt einen vorläufigen Endpunkt einer deutschen Kulturgeschichte, deren Pflichtorientierung von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Im Zentrum des aus der Perspektive des Ich-Erzählers Siggi geschriebenen Romans stehen Pflicht und Zwang. Siggis Vater, „Polizeiposten“ im schleswig-holsteinischen Rugbüll, verkörpert das Bild des pflichtbewusst-zuverlässigen Befehlsempfängers. Überzeugt vom Vorrang der Pflicht führt er „aus Berlin“ erhaltene Befehle der nationalsozialistischen Machthaber willig aus, ohne jemals einen Zweifel zu verspüren.

Siggi empfindet hingegen eine emotionale Nähe zu dem (international anerkannten) Maler Nansen, der von den nationalsozialistischen Machthabern ein Berufsverbot erhalten hat, dass der Polizeiposten durchsetzen soll und will. Selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang der Befehlsgeber, die sich unter den neuen Gegebenheiten flexibel und rasch auf die „richtige“ Seite schlagen, stellt der „Polizeiposten“ dem Maler zwanghaft nach.
Im Handeln des Polizisten zeigt sich, wie sich sein Pflichtbewusstsein zwanghaft verselbständigt hat. Die unerbittliche Ausführung einmal erhaltener Befehle ist zu seinem wesentlichen, vielleicht einzigen Lebensziel geworden.Vermeintlich bedrohte Bilder durch Diebstahl zu schützen, wird schließlich zur ebenfalls zwanghaften Vorstellung Siggis, was ihn in die Erziehungsanstalt bringt.

Siegfried Lenz ist der Überzeugung, dass den wertelos-skrupellosen Befehlsgebern alles zuzutrauen ist. Niemand solle sich über ihre Rücksichtslosigkeit täuschen. Die Stärke der Skrupellosen liege gerade darin, dass sie eben keinerlei Rücksicht nehmen. Die Freiheit des Einzelnen sei dadurch gefährdet, dass sich die Machthaber anmaßten, alles und jedes einer Bewertung zu unterziehen. Was keine Wertung besitze, sei aus Sicht der Machthaber nicht der Rede Wert. Die Machthaber nähmen für sich eine Allzuständigkeit in Anspruch, die das Eingestehen noch nicht einmal einer punktuellen Unwissenheit zulässt.

Die von Lenz erstellte Skizze deutscher Kultur betrifft nicht nur die vergleichsweise kurze nationalsozialistische Epoche. Die Reduzierung und Überbetonung des Pflichtbewussten als markantes Element deutscher Herrschaftsordnungen hat sich bis in die Gegenwart enthalten. Während jedoch im staatlichen Bereich das Gewaltpotenzial von Despoten durch (nicht nur formal geltende) demokratische Prinzipien und Gewaltenteilung eingedämmt wurde, fehlen vergleichbare Regeln und Werte bei großen nicht-staatlichen Organisationen weitgehend. Die von Lenz dargestellte deutsche Kulturtradition von selbstzufriedenem Befehl und untertänigstem Gehorsam lebt hier ungestört weiter.

So stellt sich z. B. die Frage, welches Großunternehmen noch glaubt, ohne das Prinzip der Rücksichtslosigkeit gegenüber Mitarbeitern und deren unbedingtes Pflichtbewusstsein funktionieren zu können. Als „erfolgreich“ gelten häufig die brutalsten und zugleich von sonstigen „überflüssigen“ Werten am wenigsten belasteten Befehlsgeber. Niemand soll sich täuschen lassen, sagt Lenz. Nur die zufälligen historischen Umstände haben die auf Befehl und Pflicht orientierten „eiskalten“ Machthaber im Dritten Reich an militärische Fronten und in Konzentrationslager beordert. Heute agieren sie an anderer Stelle – rein zufällig.
Preis: EUR 12,00

 

 

Wie Desinformation und Strippenzieherei ein Leben zerstören können.
Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist eines der bekanntesten Werke von Heinrich Böll (1917-1985), dem Nobelpreisträger für Literatur von 1972. Böll schrieb die 1974 erschienene Erzählung vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzungen mit der Springer-Presse – im Nachgang zu den Studentenunruhen und Gewaltdebatten der 1960er und 1970er Jahre.

Aus heutiger Sicht erscheint der Roman Katharina Blum wie aus der Anfänger-Epoche einer hässlichen Desinformationskultur. Zielgerichtete und Menschen verachtende Desinformation und Verleumdungen bis hin zu physischer Vernichtung politischer Gegner und sonstiger Andersdenkender haben sich vor allem zu einer Angelegenheit autoritär geführter Staaten und der von ihnen kontrollierten Medien, Polizeiapparate und Geheimdienste entwickelt – in ihrer Wirkung durch Globalisierung noch verstärkt.
Für alle diese Fälle aber passt Bölls Feststellung wie die „Faust aufs Auge“: „Wer tausendmal lügt, dem glaub ich nicht, auch wenn er EINMAL die Wahrheit sagt.“

Die Boulevard-Presse nimmt einige Jahrzehnte nach Bölls Erzählung (jedenfalls vordergründig) wohl eine weniger prominente Rolle in der politischen Diskussion als in den 1970er Jahren ein. Das Vorspiegeln vermeintlich einfacher Lösungen für immer komplexere Probleme, eine undifferenzierte Darstellung und das Verzerren der Wirklichkeit fördert – jedenfalls mittelbar und langfristig – den Nährboden eines abstoßend wirkenden Populismus, der ebenso wie Boulevard-Presse und willfährige Staatsmedien vom Glauben an Einfach-Lösungen und von „alternativen Fakten“ lebt.

Böll sagt in seinem Nachwort zu Katharina Blum fast entschuldigend: „Vorzuwerfen habe ich mir nur eins: daß dieses Buch zu harmlos ist.“ Ja, für unsere Zeit… viel zu harmlos.

Ausgezeichnete Einführung vor allem in die Spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins. Sehr verständlich geschrieben. Starkes Bemühen der Autoren erkennbar, Leser ohne wesentliche Vorkenntnisse punktgenau „abzuholen“ und schrittweise „heranzuführen“. Dies erspart allerdings nicht eine sorgfältige und zuweilen auch nachdenkliche Lektüre.

Behandelt werden unter anderem die Bedeutung und Verbindung von Masse, Energie, Geschwindigkeit und Zeit, die Dimension Raumzeit, euklidische und Raumzeit-Geometrie, Raumzeit-Krümmung, „Weltformel“, Gravitation sowie die aktuellen Forschungsergebnisse zu den zwölf fundamentalen Elementarteilchen. Sehr klar wird auch dargestellt, worin sich Newtons und Einsteins Weltverständnis unterscheiden und wie es zu einer Weiterentwicklung von Newtons Denkmodellen zur Relativitätstheorie Einsteins kam.

Entscheidend für das Verständnis des Buches ist wohl, sich vom gewohnten „absoluten“ Alltagsverständnis von Raumdimensionen, Zeit und Geschwindigkeit zu „verabschieden“ und sich auf eine „relative“ Weltsicht einzulassen.

Als hilfreich erweist sich das ausführliche Register, das ein rasches Nachschlagen von Kernbegriffen bzw. zentralen Aussagen erleichtert. Die eindrucksvollste und überzeugendste Heranführung an die Relativitätstheorie, die ich (als Physik-Laie) bisher gelesen habe.

Eine inhaltlich ausgezeichnete Einführung in die Mikro- und Astrophysik durch einen sehr fachkundigen Autor, der dem Leser eine komplexe Materie in aufgelockerter Form nahe bringt und auch über historische Entwicklungen (z. B. am CERN) informiert.

Allerdings: Abrufbare Vorkenntnisse über die Spezielle Relativitätstheorie Einsteins erleichtern ganz bestimmt den Einstieg in das Buch. Wer sich ohne das „Marschgepäck“ eines Vorwissens zum mikrokosmischen „Teilchenzoo“ an die Lektüre wagt, der dürfte womöglich bald enttäuscht aufgeben, zumal der Autor – begeistert über das Thema mit seiner Fachkompetenz spielend – auch schon einmal Fachbegriffe verwendet, ohne diese zuvor zu erläutern.

Wer jedoch die ersten etwa 60 Seiten sorgfältig durchgearbeitet hat und mit den Grundbegriffen des „Teilchenzoos“ umgehen kann, der wird wohl auch an den „restlichen“ 440 Seiten zu CERN, Higgs-Boson, Antimaterie, Dunkler Materie, Dunkler Energie, Supersymmetrien und Stringtheorie Interesse finden und sich ein außerordentlich spannendes und vom Autor gut aufbereitetes Thema erschließen, das schließlich sogar philosophische Fragen berührt.

Ein schnelles Durchlesen „im Vorübergehen“ ist nicht zu empfehlen. Regelmäßiges Nachschlagen an denjenigen Textstellen, in denen bestimmte Fachbegriffe der Mikro- oder Astrophysik erstmals erläutert werden, erscheint unerlässlich, um dem weiteren Textverlauf folgen zu können. Wer als Laie allzu oft (nach etlichen Seiten nicht mehr präsente) Fachbegriffe „überliest“, ohne immer wieder einzuhalten und sich die Mühe zu machen, Fachliches sich noch einmal bewusst machen, der wird nur einen eingeschränkten Nutzen aus dem Buch ziehen können.

Erwähnt werden muss aber, dass dieses Sachbuch einen durchaus schwerwiegenden Mangel aufweist (gerade für in der Mikro- und Astrophysik zunächst unkundige Laien): Das Buch verfügt nur über ein rudimentäres Inhaltsverzeichnis und verzichtet auf jegliches Stichwortverzeichnis – ein eklatante Lücke für ein thematisch anspruchsvolles Werk. Die daher erforderliche (eben auch nicht durch ein hinreichend aufgegliedertes Inhaltsverzeichnis unterstützte) Suche nach den erläuternden Fundstellen innerhalb eines 500-seitigen Buches ist für den Leser sehr umständlich und zeitaufwändig (wenn man denn den Text wirklich verstehen möchte).

Dieser Mangel wird auch nicht durch die exzellenten Übersichten zu Kernbegriffen der Mikro- und Astrophysik (in Tabellen- bzw. Listenform), am Ende jedes der sieben Kapitel eingefügte Zusammenfassungen oder durch das umfangreiche Literaturverzeichnis ausgeglichen. Wegen des sehr guten und insgesamt verständlich dargestellten Inhalts ist das Buch gleichwohl empfehlenswert.