Kafka beschreibt in seinem Roman „Der Prozess“ einen Strafgerichtsprozess, in dem der rechtlose Angeklagten zum Spielball der im verborgenen agierenden Mächtigen wird. Es geht um den Kampf zwischen Macht und Freiheit.
Schuldig ist in den Augen der Macht, wer Widerstand leistet, wer auch nur zu widersprechen wagt, ja schon der, der sich nicht unauffällig und stromlinienförmig genug bewegt. Denn der Macht kommt es auf die Durchsetzung ihrer selbst, auf die Exekution von Abhängigkeiten an. Nur das scheint ihr innerer Zweck zu sein.

Die Mächtigen, die den Prozess führen, suchen sich das ihnen passend Erscheinende unter den formellen Regeln und Gesetzen heraus, um es für ihre Zwecke schonungslos einzusetzen. Möglichst vieles halten sie verdeckt und im Dunkeln: so zum Beispiel die Ursache und den Auslöser des Gerichtsprozesses. Das die Macht Störende – vielleicht gar nicht Justiziable – wird nicht benannt. Keinerlei Anklagepunkte legen sie gegenüber dem Angeklagten offen. Nichts wird über den weiteren Verlauf des Gerichtsverfahrens bekanntgegeben.

Die Drahtzieher des unsäglichen Vorgehens – und womöglich Richter in einer Person – bleiben dem Angeklagten unbekannt. Jedes offene Visier wird vermieden, während ausschließlich aus dem Hinterhalt operiert wird. Der Angeklagte ist den Mächtigen hilflos ausgeliefert. So funktionieren Kunst und Kultur der Klammheimlichkeit und Hinterhältigkeit.

Und was bedeutet schon Rechtssicherheit? Was heißt Moral?
Auch darauf gibt es eine einfache Antwort: Ein einheitliches Recht oder eine allgemeingültige Moral, auf die sich der Angeklagte stützen und berufen könnte, existieren einfach nicht. Niemand kann sich in dem von Kafka dargestellten Szenario auf Recht oder Moral berufen.

Kafka beschreibt die Zustände und die Menschen wohl so, wie sie eben sind. Werden da etwa Erinnerungen an Spitzelwesen und Korruption in bekannten, großen Organisationen wach, an das Meucheln von Missliebigen, die unter banalsten, ja lächerlichsten Vorwänden entfernt, ausgestoßen, „exekutiert“ werden, an gedungene, graue Handlanger, die sich bedenkenlos in den Dienst ihrer „Brötchengeber“ stellen?

Nur die Spitzen der grausamen Eisgebirge sind zur öffentlichen Besichtigung freigelegt.

Die renommierte Psychoanalytikerin Verena Kast analysiert das Spannungsverhältnis zwischen Aggressor und Opfer und entwickelt das Alternativmodell des Gestalters.

Nur am Rande berührt die Autorin  – ganz behutsam und fast unbemerkt – gesellschaftliche Zusammenhänge, wenn sie etwa – lediglich in einem Nebensatz – darauf verweist, dass „ein System, dass so sehr auf Macht, Reichtum und Ansehen basiert, weggeschlossene Leichen hat.“ Ja, da könnte sie wohl recht haben – warum nur so beiläufig?

Denn dass psychologische Erkenntnis natürlich auch für Kast eine große gesellschaftliche Relevanz hat, zeigt sie in ihrem Schlusskapitel, darauf hinweisend, dass es darum gehe, Macht zu opfern und das Leben nicht auf Machtstreben, Dominanz und Unterwerfung zu reduzieren.

Und auch das von Verena Kast herausgearbeitete Phänomen der Identifikation des Opfers mit dem Angreifer ist gerade angesichts einer ja unverändert streng hierarchisch geprägten Wirtschaftsordnung aktueller denn je: Die machthungrigen Aggressoren konnten uns bislang jedenfalls nicht nachweisen, dass sie über ein grundpositives, nachhaltig überzeugendes Geschäfts- und Lebensmodell verfügen.

Mit ihrem Alternativmodell des Gestalters setzt Verena Kast dagegen einen angenehm-ausgleichenden und auf persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung gerichteten wertvollen Impuls.