Für seinen 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ erhielt Thomas Mann (1875-1955) im Jahr 1929 den Nobelpreis für Literatur.

Der Zauberberg ist ein Bildungsroman, der die persönliche Entwicklung des Protagonisten Hans Castorp über einen mehrjährigen Zeitraum darstellt. Der 24-jährige Ingenieur Castorp reist 1907 von seiner Heimatstadt Hamburg in den schweizerischen Kurort Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der sich wegen einer Tuberkulose-Erkrankung in einem dortigen Sanatorium aufhält.

Die Relativität der „Zeit“ thematisiert Thomas Mann in verschiedensten Zusammenhängen. Das Zeitempfinden wird offenbar stark beeinflusst von der jeweiligen Lebenssituation und der Gedanken- und Gefühlswelt des einzelnen Menschen. Auch der Handlungsablauf des Romans ist mit verschiedenen „Zeit-Geschwindigkeiten“ unterlegt: Während die ersten Monate des Castorp‘schen Aufenthalts in Davos zeitdehnend etwa die Hälfte des Romans einnehmen, entfällt auf den über sechsjährigen „Rest“-Abschnitt zeitraffend ein ähnliches Roman-Volumen.

Offenbar besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem individuellen Zeitempfinden und den im „Zauberberg“ behandelten Motiven Leid, Krankheit und Tod, die im Sanatorium zwar allgegenwärtig sind, aber von den Kranken doch oft verdrängt werden. Thomas Mann beschreibt detailliert die unterschiedlichsten Charaktere der aus ganz Europa stammenden Patienten, die im Sanatorium – manchmal zurecht, oft vergeblich – auf Heilung hoffen.

Der Ingenieur Castorp befasst sich in Davos intensiv mit verschiedensten naturwissenschaftlichen Themen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Flora der Schweizer Alpen. Auch die Erkundung von Musik und Kunst spielen für den wissensbegierigen Castorp. Castorp wächst zunehmend aus der Rolle eines Sanatoriums-Besuchers in diejenige eines „Bildungsreisenden“, der schließlich die Kontakte in seine Heimat („Flachland“) abbricht und sich in der Welt des Sanatoriums heimisch wird.

An den intensiven philosophischen und politischen Diskussionen zwischen seinen Mentoren Settembrini und Naphta nimmt Castorp vorwiegend als von den Diskutanten hart umkämpfter Zuhörer teil. Die Figuren Settembrini und Naphta verkörpern gegensätzliche, ja fanatisch unversöhnliche Ideologien: Settembrini vertritt als Humanist und Freimaurer Positionen der individuellen „Freiheit“, der Jesuit Naphta lehnt die individuelle Freiheit zugunsten eines auf Terrorismus gestützten Gottesstaates ab. Letztlich setzt sich keiner der beiden Kontrahenten mit seiner „Vernunft“-Idee durch: Während Naphta anlässlich eines Duells mit Settembrini Selbstmord begeht, erliegt Settembrini schließlich seinem Tuberkulose-Leiden.

Einen völlig anderen Charakter stellt Thomas Mann mit der Figur des Niederländers Mynheer Peeperkorn vor. Peeperkorn überzeugt nicht durch den Inhalt seiner (zumeist vom Satzbau her unvollständigen) Kommunikation, sondern durch seine natürliche Autorität, mit der er sich als unwidersprochene Leitfigur innerhalb einer Gruppe positioniert.

Aus dem von Castorp zunächst geplanten dreiwöchigen Besuch in Davos wird schließlich ein siebenjähriger Aufenthalt: Erst 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges reist Castorp in die Heimat zurück, um als Soldat an vorderster Front mitzukämpfen. Hier verliert sich zum Abschluss des Romans die Spur Hans Castorps. So wird „Der Zauberberg“ letztlich zu einer Beschreibung den Verfalls – die lange Zeit fragil zwischen Hoffnung und Krankheit schwankt und schließlich im Todes-„Donnerschlag“ Weltkrieg endet.