Sun Tsu: Die Lehre von der cleveren Skrupellosigkeit – oder: Je größer das Schaf, desto dunkler das Fell
Zweifellos können viele der Ratschläge des chinesischen Generals Sun Tsus (544–496 vor Chr.) nicht mehr wörtlich genommen werden, sondern sind in unsere Zeit zu „übersetzen. Sun Tsu kann als Ratgeber für den bestmöglichen Einsatz der eigenen Kräfte und für das effiziente Haushalten mit den eigenen Mitteln verstanden werden.

Mit Moral aber haben die Gedanken Sun Tsus ausdrücklich nichts zu tun: Es geht ihm darum, mit eben allen zur Verfügung stehenden Mitteln den „Sieg“ zu erreichen. Als höchste Kunst erscheint ihm explizit diejenige des Täuschens und Betrügens, um zum Ziel, zum „Sieg“ zu gelangen.

Dies aber ist doch eine sehr beschränkte Sicht der Dinge, genauer gesagt, eine Weltsicht, die in der Gefahr steht, sich auf Skrupellosigkeit zu reduzieren: Der Zweck („der Sieg“) heiligt jedes Mittel, jede Hinterhältigkeit, jede Rücksichtslosigkeit, jede Brutalität. Das aber hat der Weltgeschichte schon mehrmals nicht besonders gut getan.

Der (militärische) „Sieg“ hat bei Sun Tsu den Anklang einer Ersatzreligion. Aber verdient es Sun Tsu deshalb schon, zum Philosophen geadelt zu werden? Das Frösteln im Angesicht seiner brutalstmöglichen Eiseskälte, die sich auch in heutigen Lebensformen wiederfindet, ist wohl nicht als Reflex auf die „Liebe zur Weisheit“ zur verstehen… Die wahren „Feinde“ des Gemeinwesens sind auf Dauer diejenigen morallosen Technokraten, in deren merkwürdig verengtem, tunnelartigem Denken zuletzt jedes Mittel zur Zielerreichung recht ist.

Empfehlenswerte Lektüre für jeden, der die Denkweisen von Despotien in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verstehen und gerne einmal in die tiefsten Abgründe der Gewissenlosigkeit blicken möchte. Als Pflichtlektüre natürlich auch angehenden Völkerrechtsverletzern und Kriegsverbrechern dringend anzuraten. Dreimal hoch lebe die „clevere“, kaltschnäutzige, brutalstmögliche Skrupellosigkeit.

Das zweiteilige Werk des systemvergleichenden Politikwissenschaftlers und Philosophen Alexis de Tocqueville (1805-1859) erschien 1835/1840. In einer historischen Momentaufnahme untersucht Tocqueville die Beziehung von Monarchie und Aristokratie zur Demokratie und nimmt eine Vorausschau künftiger Entwicklungen vor.

Tocqueville analysiert die aus seiner Sicht bestehenden strukturellen Stärken und Schwächen der Demokratie: Messerscharf in der Analyse – und zuweilen nahezu seherisch – untersucht er die Probleme des modernen Massenstaates.

Die von der Demokratie beförderte Gleichheit bewirke Individualität und Vereinzelung. Als Gegengewicht diene die Schaffung von Vereinigungen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken. Ziel sei es nicht, zu verhindern, dass jeder seinen eigenen Interessen folge. Jeder aber solle im eigenen Interesse anständig sein (Lehre vom wohlverstandenen Interesse). (Merkwürdig klingt vor diesem Hintergrund das „postfaktische“ Aufbegehren gegen das – eigentlich selbstverständliche – Gebot der „Korrektheit“).

Das Prinzip der sozialen Nützlichkeit und das Dogma der politischen Notwendigkeit könne in einem demokratischem System den Anlass geben, die individuellen Rechte mit Füßen zu tretenEs gehe also darum, – nicht zuletzt durch Gewaltenteilung, Subsidiaritätsprinzip und Förderung der Gemeindender zentralen Gewalt Grenzen zu setzen. Keine Nation, keine Organisation könne auf Dauer stark bleiben, wenn das Individuum in ihr schwach sei.

Alle Despotien seien in ihre Schranken zu weisen. Gefahr resultiere aus der Allmacht demokratischer Mehrheit. Denn irrtümlich werde angenommen, dass die Mehrheit als solche bereits über größere Weisheit als jeder Einzelne verfüge. Ganz im Gegenteil drohe eine Tyrannei der Mehrheit, die über die Neigungen und Triebe eines Despoten verfüge. Ziel müsse es daher sein, die Macht der Mehrheit zu mäßigen.

Jede Zentralgewalt liebe Gleichheit und Einheitlichkeit: Das erspare ihr die Prüfung vieler Einzelfälle. Zentralisierung vermindere aber sogleich den Bürgergeist; jede Allmacht lasse schließlich die Weisheit vermissen. Die Stärke jeder zentralisierten Verwaltung führe so eines Tages zu ihrem eigenen Untergang. Sie sei am Ende für Zerfall und Eroberung reif.

Die industrielle Klasse trage den Despotismus in sich. Die industrielle Aristokratie bewirke mit immer extremerer Arbeitsteilung die Verdummung und Verelendung der von ihr benutzten Menschen. Diese seien nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere. Die Fähigkeit, selbständig zu denken, zu fühlen und zu handeln, gehe verloren. (In ihrer – hier recht schmucklosen – Brutalität ist der Analyse des Liberalen (!) Tocqueville leider nichts hinzuzufügen.)

Díe Einsichten Tocquevilles schaffen nicht zuletzt Verständnis für einige der US-amerikanischen Wurzeln und die dortige Mentalität. Sie erklären vieles aus der „Ursuppe“ amerikanischen Denkens und Handelns.

Die Wucht seiner mächtigen Analyse hat nicht nur Zeitgenossen wie John Stuart Mill, dem vielleicht bedeutendsten englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, eines Begründers des Liberalismus und den (Wiesbadener) Philosophen Wilhelm Dilthey nachhaltig beeinflusst.