Der Roman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers (1900-1983) handelt von der Flucht von sieben Häftlingen aus dem Konzentrationslager „Westhofen“ südlich von Mainz. Nur einem der Flüchtlinge gelingt schließlich die Flucht in die Niederlande. (In der Realität befand sich – nur wenige Kilometer von der Ortschaft Westhofen entfernt – das KZ Osthofen nahe bei Worms.)

Anna Seghers ist ein mitreißender, zeitloser Roman gelungen. Die Autorin schildert in dramatischer Formdie Brutalität von Verfolgung und Unterdrückung Andersdenkender in einem Überwachungs- und Willkür-Staat.

Seghers erzeugt eine ungemein hohe (Dauer-) Spannung durch wechselnde Perspektiven, verschiedene Handlungsorte und Handlungszeiten und nicht zuletzt auch durch umgangssprachliche Elemente, die für zusätzliche Lebhaftigkeit sorgen. Verschiedene Handlungsstränge entwickeln sich parallel und kreuzen sich doch immer wieder, bevor sie schließlich in einem Ziel- und Höhepunkt der Handlung zusammenlaufen. Rückblenden in die Vergangenheit bauen eindrucksstarke Stimmungsbilder auf, vermitteln zusätzliche Hinweise über einzelne Protagonisten oder geben zusätzliche Hintergrundinformationen.

Zumeist erfolgt die Erzählung aus Sicht eines objektiven Dritten. Im Fließtext treten aber auch häufig Ich-Erzähler auf, die der Leser bei ihren momentanen Gedanken beobachten kann. Dann wieder wechselt die Perspektive in die oft beängstigenden Traumwelten von Protagonisten, die in einer gnadenlos feindlichen Welt, in einer existenzbedrohenden Umgebung verzweifelt um einen Haltepunkt, um ihr Überleben kämpfen.

Alles dies wirkt bei Anna Seghers nicht aufgesetzt, sondern vollkommen authentisch und real – trotz aller Komplexität verschiedener Handlungsstränge und Perspektiven ist alles harmonisch miteinander verwoben.

Von einem „Bonus“ profitieren diejenigen, die sich ein wenig im Rhein-Main-Gebiet auskennen. Als gebürtige Mainzerin lässt die ortskundige Anna Seghers die Handlung im Rhein-Main-Gebiet stattfinden – in Frankfurt am Main und im Taunus, von Mainz im Westen bis Wertheim im Südosten.

Empfehlung: Ein sehr spannender, den Leser ergreifender, ja mitreißender Roman, dessen Explosivität sich aus den Bezügen zur Geschichte Deutschlands ergibt – und aus den Bezügen zur heutigen Welt, in der häufig genug, die der skrupellose Autokraten und Diktatoren ihr Menschen verachtendes Unwesen treiben.

„Das siebte Kreuz“ – ein aufrüttelnder Appell für die individuelle und gesellschaftliche Freiheit und gegen Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung.

Preis: EUR 12,00

Gabriel García Márquez ist ein kolumbianischer Schriftsteller (1927-2014), dem 1967 mit seinem Roman „Cien años de soledad“ (Hundert Jahre Einsamkeit) der literarische Durchbruch gelang. 1982 wurde García Márquez mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

García Márquez beschreibt in „Hundert Jahre Einsamkeit“ die über hundertjährige Geschichte der Familie Buendías – den Aufstieg, aber auch den Verfall und Untergang der Familie und ihres Heimatdorfes Macando, das einst vom ersten Buendía nahe der Karibikküste Kolumbiens gegründet wurde.

Die Historie der Familie Buendías zeichnet das von Gloria und tiefem Leid geprägte Schicksal Lateinamerikas nach – zwischen Momenten der Euphorie, brutaler Unterdrückung der Zivilgesellschaft durch korrupte Regierungen und Militär, Ausbeutung der einheimischen Landbevölkerung durch ausländische Konzerne, wirtschaftlicher und kultureller Verelendung und schließlich dem völligen Untergang in einer Naturkatastrophe.

Kunstvoll baut Gabriel García Márquez seine Romanhandlung auf, indem er Schritt für Schritt weitere Protagonisten aus der Familie oder aus deren Umfeld in die Handlung integriert – und die persönliche Entwicklung der handelnden Personen und die Beziehungen zwischen ihnen darstellt – meistens ab ihrer Geburt (oder von ihrer frühen Kindheit an) bis zum Tod.

Tipp: Um den Handlungsablauf leichter verstehen und nachvollziehen zu können, ist die Anlage eines kleinen Stammbaums der Familie Buendía zu empfehlen. Denn etliche der Protagonisten aus sechs Familiengenerationen verfügen (aus im Laufe der Handlung einleuchtenden Gründen) über den gleichen oder einen sehr ähnlichen Namen.

Empfehlung: Kunstvoller, sehr dichter Roman. Außerordentlich intensiv und spannend. Ein literarisches Werk, das verstehen lässt, aus welchen Gründen der Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Nachvollziehbar, dass ein solcher Roman eine weltweite Auflage von 30 Millionen Exemplaren erreichte.

Die Biografin Elisabeth Young-Bruehl (1946-2011) war einst Studentin bei der Philosophin, Politik-Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) an der New Yorker School School for Social Research. Für die Ausarbeitung der vorliegenden Biografie standen des Psychotherapeutin Young-Bruehl auch der Arendt-Nachlass und die umfangreiche Korrespondenz Arendts weitestgehend zur Verfügung. Die Biografie vermittelt einen fachlich detaillierten, aber auch emotional berührenden Einblick in Persönlichkeit, Lebenslauf und die wichtigsten Werke Hannah Arendts.

Zu den Hauptwerken Hannah Arendts gehören „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (politisch) sowie „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (philosophisch). Eine besondere Rolle spielt die Arendt-Biografie über die jüdisch geborene und 1814 zum Christentum konvertierte Rahel Varnhagen (1771-1833), die von 1790 bis 1806 einen bedeutenden literarischen Salon in Berlin führte und der sich Hannah Arendt in verschiedener Hinsicht nahe fühlte.

Die Wurzeln der im ostpreußischen Königsberg ansässigen jüdischen Familien Arendt und Cohn werden ebenso eingehend beleuchtet wie alle wichtigen Lebens- und Berufsstationen Arendts. Hervorragend gelungen ist der Biografin auch die Einbettung der Lebensgeschichte Hannah Arendts in ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund – zwischen verlorener deutscher Heimat, jüdischer Identität, einem für Spätgeborene kaum vollumfänglich nachvollziehbaren Grauen des Nationalsozialismus und der neuen Heimat USA.

Nach ihrer Emigration aus Deutschland (1933) und dem Verlust ihrer deutschen Staatsangehörigkeit (1937) erhielt Arendt erst nach langer und schmerzhaft empfundener Staatenlosigkeit im Jahr 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hannah Arendt zu einer wirkmächtigen Professorin, Journalistin, Historikerin und „politischen Philosophin“ – vor dem Hintergrund von israelischer Staatsgründung, Eichmann-Prozess in Jerusalem, Vietnam-Krieg, Black-Power-Bewegung in den USA, Ermordung von John F. Kennedy und Martin Luther King sowie Watergate-Skandal.

Leben und Denken Hannah Arendts wurde von den Kontakten zu Martin Heidegger, bei dem sie zwei Semester Philosophie in Marburg studierte, sowie durch die lebenslange Verbundenheit zu Karl Jaspers wesentlich mitgeprägt, bei dem sie in Heidelberg promoviert hatte.

 

Für seinen 1924 erschienenen Roman „Der Zauberberg“ erhielt Thomas Mann (1875-1955) im Jahr 1929 den Nobelpreis für Literatur.

Der Zauberberg ist ein Bildungsroman, der die persönliche Entwicklung des Protagonisten Hans Castorp über einen mehrjährigen Zeitraum darstellt. Der 24-jährige Ingenieur Castorp reist 1907 von seiner Heimatstadt Hamburg in den schweizerischen Kurort Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der sich wegen einer Tuberkulose-Erkrankung in einem dortigen Sanatorium aufhält.

Die Relativität der „Zeit“ thematisiert Thomas Mann in verschiedensten Zusammenhängen. Das Zeitempfinden wird offenbar stark beeinflusst von der jeweiligen Lebenssituation und der Gedanken- und Gefühlswelt des einzelnen Menschen. Auch der Handlungsablauf des Romans ist mit verschiedenen „Zeit-Geschwindigkeiten“ unterlegt: Während die ersten Monate des Castorp‘schen Aufenthalts in Davos zeitdehnend etwa die Hälfte des Romans einnehmen, entfällt auf den über sechsjährigen „Rest“-Abschnitt zeitraffend ein ähnliches Roman-Volumen.

Offenbar besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem individuellen Zeitempfinden und den im „Zauberberg“ behandelten Motiven Leid, Krankheit und Tod, die im Sanatorium zwar allgegenwärtig sind, aber von den Kranken doch oft verdrängt werden. Thomas Mann beschreibt detailliert die unterschiedlichsten Charaktere der aus ganz Europa stammenden Patienten, die im Sanatorium – manchmal zurecht, oft vergeblich – auf Heilung hoffen.

Der Ingenieur Castorp befasst sich in Davos intensiv mit verschiedensten naturwissenschaftlichen Themen, beispielsweise im Zusammenhang mit der Flora der Schweizer Alpen. Auch die Erkundung von Musik und Kunst spielen für den wissensbegierigen Castorp. Castorp wächst zunehmend aus der Rolle eines Sanatoriums-Besuchers in diejenige eines „Bildungsreisenden“, der schließlich die Kontakte in seine Heimat („Flachland“) abbricht und sich in der Welt des Sanatoriums heimisch wird.

An den intensiven philosophischen und politischen Diskussionen zwischen seinen Mentoren Settembrini und Naphta nimmt Castorp vorwiegend als von den Diskutanten hart umkämpfter Zuhörer teil. Die Figuren Settembrini und Naphta verkörpern gegensätzliche, ja fanatisch unversöhnliche Ideologien: Settembrini vertritt als Humanist und Freimaurer Positionen der individuellen „Freiheit“, der Jesuit Naphta lehnt die individuelle Freiheit zugunsten eines auf Terrorismus gestützten Gottesstaates ab. Letztlich setzt sich keiner der beiden Kontrahenten mit seiner „Vernunft“-Idee durch: Während Naphta anlässlich eines Duells mit Settembrini Selbstmord begeht, erliegt Settembrini schließlich seinem Tuberkulose-Leiden.

Einen völlig anderen Charakter stellt Thomas Mann mit der Figur des Niederländers Mynheer Peeperkorn vor. Peeperkorn überzeugt nicht durch den Inhalt seiner (zumeist vom Satzbau her unvollständigen) Kommunikation, sondern durch seine natürliche Autorität, mit der er sich als unwidersprochene Leitfigur innerhalb einer Gruppe positioniert.

Aus dem von Castorp zunächst geplanten dreiwöchigen Besuch in Davos wird schließlich ein siebenjähriger Aufenthalt: Erst 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges reist Castorp in die Heimat zurück, um als Soldat an vorderster Front mitzukämpfen. Hier verliert sich zum Abschluss des Romans die Spur Hans Castorps. So wird „Der Zauberberg“ letztlich zu einer Beschreibung den Verfalls – die lange Zeit fragil zwischen Hoffnung und Krankheit schwankt und schließlich im Todes-„Donnerschlag“ Weltkrieg endet.

 

Kafka beschreibt in seinem Roman „Der Prozess“ einen Strafgerichtsprozess, in dem der rechtlose Angeklagten zum Spielball der im verborgenen agierenden Mächtigen wird. Es geht um den Kampf zwischen Macht und Freiheit.
Schuldig ist in den Augen der Macht, wer Widerstand leistet, wer auch nur zu widersprechen wagt, ja schon der, der sich nicht unauffällig und stromlinienförmig genug bewegt. Denn der Macht kommt es auf die Durchsetzung ihrer selbst, auf die Exekution von Abhängigkeiten an. Nur das scheint ihr innerer Zweck zu sein.

Die Mächtigen, die den Prozess führen, suchen sich das ihnen passend Erscheinende unter den formellen Regeln und Gesetzen heraus, um es für ihre Zwecke schonungslos einzusetzen. Möglichst vieles halten sie verdeckt und im Dunkeln: so zum Beispiel die Ursache und den Auslöser des Gerichtsprozesses. Das die Macht Störende – vielleicht gar nicht Justiziable – wird nicht benannt. Keinerlei Anklagepunkte legen sie gegenüber dem Angeklagten offen. Nichts wird über den weiteren Verlauf des Gerichtsverfahrens bekanntgegeben.

Die Drahtzieher des unsäglichen Vorgehens – und womöglich Richter in einer Person – bleiben dem Angeklagten unbekannt. Jedes offene Visier wird vermieden, während ausschließlich aus dem Hinterhalt operiert wird. Der Angeklagte ist den Mächtigen hilflos ausgeliefert. So funktionieren Kunst und Kultur der Klammheimlichkeit und Hinterhältigkeit.

Und was bedeutet schon Rechtssicherheit? Was heißt Moral?
Auch darauf gibt es eine einfache Antwort: Ein einheitliches Recht oder eine allgemeingültige Moral, auf die sich der Angeklagte stützen und berufen könnte, existieren einfach nicht. Niemand kann sich in dem von Kafka dargestellten Szenario auf Recht oder Moral berufen.

Kafka beschreibt die Zustände und die Menschen wohl so, wie sie eben sind. Werden da etwa Erinnerungen an Spitzelwesen und Korruption in bekannten, großen Organisationen wach, an das Meucheln von Missliebigen, die unter banalsten, ja lächerlichsten Vorwänden entfernt, ausgestoßen, „exekutiert“ werden, an gedungene, graue Handlanger, die sich bedenkenlos in den Dienst ihrer „Brötchengeber“ stellen?

Nur die Spitzen der grausamen Eisgebirge sind zur öffentlichen Besichtigung freigelegt.

Haben oder Sein – wohl eine Frage des Überlebens der Menschheit – und vielleicht aktueller denn je
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„Haben oder Sein“, das Hauptwerk des Psychoanalytikers und Philosophen Erich Fromm (1900-1980) erschien 1976Fromm vergleicht die Lebensformen des Habens und des Seins und entwirft eine individuelle und gesellschaftliche Vision der Wege, auf denen die Lebensform des Seins schrittweise erreicht werden könnte.

Der Lebenseinstellung des Habens werde, so Erich Fromm, von Gewinnsucht und Machtstreben bestimmt. Die Verhaltensweise des Habens löse Aggressionen aus und verursache Gier, Neid und Gewalt. Die Welt des „Habens“ habe sich im Mittelalter ausgebildet und führe die Welt heute in den psychischen und ökologischen Abgrund.

Um die sich nach Auffassung von Fromm abzeichnende Menschheits-Katastrophe noch abzuwenden, sei ein Übergang in die Lebensform des Seins unabdingbar. Zu den von Fromm vorgeschlagenen Maßnahmen gehören
• die allmähliche Entwicklung von Charakterstrukturen, die am Sein orientiert sind,
• die Eindämmung einer maßlosen Konsum-Orientierung,
• damit einhergehend der Übergang von der Vorstellung eines grenzenlosen auf ein selektives Wachstum sowie
• eine grundlegende Umorganisation von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.

Etliche Jahrzehnte nach seinem Erscheinen hat das Buch Fromms eher noch an Brisanz gewonnen – angesichts
betrügerischer Konzerne, die Verbraucher, Arbeitnehmer und natürliche Ressourcen weltweit hemmungslos ausbeuten,
• einer permanenten Gehirnwäsche, mit der einige Staaten und etliche Unternehmen ihre Interessen gegenüber Bürgern und Verbrauchern (teilweise sehr erfolgreich) durchzusetzen versuchen,
• einer Weltfinanzkrise, deren Ursachen noch längst nicht überwunden sind (Beispiel: Überschuldung von Verbrauchern, Banken und Staaten), sondern deren Symptome von Notenbanken mit einer gefährlichen Geldschwemme lediglich übertüncht wurden,
• eines krakenhaft um sich greifenden Lobbyismus, der zu einer teilweise abstoßenden Verquickung von Wirtschaft und Politik geführt und damit eine Aushöhlung von Rechtsstaat und Demokratie bewirkt hat,
• einer „postfaktischen“ Denkrichtung, die systematisch und religionsartig die Lüge zur Wahrheit verklärt sowie (nicht zuletzt)
• skrupelloser, machtorientierter, egomaner Despoten, die an die Paten einer Mafia-Organisation erinnern, denen es gelungen ist, höchste Staatsämter zu kapern.

Fromms Vision von der Lebensform des Seins ist von brennender Aktualität.

In seinem 2017 erschienenen Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ beschreibt der Diplomphysiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sehr fachkundig und zugleich unterhaltsam verschiedenste Facetten unserer Lebensweise – in einer historischen Übergangsphase, die von gesellschaftlichen Umwälzungen gekennzeichnet ist.

Der Autor vermittelt seinen Lesern zahlreiche Gedankenanstöße, die beim Reflektieren des „Fortschritts“ helfen. Yogeshwar beleuchtet die Symptome besorgniserregender Entwicklungen und zeigt die dahinterliegenden Ursachen auf, die mit einem zwar grundsätzlich unvermeidlichen, gegenwärtig aber all zu oft fragwürdigen Wandel verbunden sind.

Der „rote Faden“ des Buches erschließt sich erst während der gründlichen Lektüre. Wer zunächst nur das Inhaltsverzeichnis durchsieht, der erkennt den inhaltlichen Gesamtrahmen des Buches allenfalls fragmentarisch: Zu sehr wird in den Zwischenüberschriften mit bunten Sprachbildern gearbeitet, die zunächst mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben und auf ein bloßes Sammelsurium von „Geschichten“ (Buch-Untertitel) schließen lassen.

Doch in den darauf folgenden elf Kapiteln beschreibt Yogeshwar sehr fachkompetent und überzeugend aktuelle Entwicklungen in Themenbereichen wie Digitalisierung und Automatisierung, Internet und Medien, Risiken der Atomtechnologie, Gentechnik, Verhältnis von Mensch und Maschine, Gefahren einer Totalüberwachung, Umwelt und Ressourcenverbrauch, natürliche und von Menschen beeinflusste Evolution, Zusammenleben von Inländern und Ausländern, Bedeutung von Bildung sowie eine sich verstärkende Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Yogeshwar hinterfragt kritisch ein vorrangig am ökonomischen Fortschritt orientiertes Wirtschaftssystem, prangert einen verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen des Planeten Erde an und fordert neue Prioritäten für das Zusammenleben.

Mit großem Engagement plädiert Yogeshwar insbesondere für ein Überdenken unserer Lebensweise, die die Ressourcen unserer Planeten raubbauartig zulasten nachfolgender Generationen verzehrt. Nach Überzeugung von Ranga Yogeshwar sind die Regeln der Marktwirtschaft als alleinige Mittel zur Verantwortungsbewussten Gestaltung von Gegenwart und Zukunft nicht geeignet. Wir haben, so Yogeshwar, die Freiheit, aufkommende Entwicklungen mit gesundem Menschenverstandauch einmal abzulehnen und nicht einer überbordenden Werbemaschinerie, die den Konsumenten Bedürfnisse einredet, gedankenlos zu folgen.

Ziel des Autors ist nicht die Darstellung einer in sich geschlossenen Zukunftsvision, sondern vorrangig die Beschreibung der gegenwärtig wesentlichen Entwicklungsrichtungen. Yogeshwars Buch ist jedoch nicht nur eine Zusammenstellung von leicht verständlichen „Geschichten“, wie er im Untertitel bescheiden sagt. Als Wissenschaftsjournalist nimmt Yogeshwar auch engagiert und prononciert Stellung zu etlichen Unwuchten, die die westliche Lebensweise zulasten anderer Kulturkreise und nachfolgender Generationen kennzeichnet.

Yogeshwar warnt vor irrationalen Zukunftsängsten und plädiert stattdessen für einen offenen Umgang mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft – für eine „Welt, in der niemand auf Kosten anderer lebt – in der nicht die einen erwarten und die anderen erfüllen.“

 

Wieviel Streben nach Wahrheit tut gut? Zwischen innerer Wahrheitssuche und den Anforderungen der Außenwelt
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Rüdiger Safranski beschreibt eindrucksvoll verschiedene Wahrheitsmodelle und zeigt die Utopie von der Erreichbarkeit einer Übereinstimmung zwischen Innenwelt und Außenwelt auf.
Die Suche nach Wahrheit, so Safranski, setze zunächst die Trennung von Sein und Bewusstsein voraus – denn das Bewusstsein raube die unmittelbare Leichtigkeit des Seins. Es trenne die Gedanken vom Sein und löse damit Schmerz über den Verlust der „Einheit“ aus.
Wer alles leben wolle, was er zu Denken imstande sei, meint der Autor, der verwüste sein Leben.
Wer nichts zu denken wage, weil er das Gedachte dann vielleicht nicht konsequent umsetzen könnte, dessen Leben verarme.

Safranski beleuchtet die Wahrheits-Bilder insbesondere von Rousseau, Kleist und Nietzsche, die sich „gegen den Rest der Welt“ gestellt hätten.

Rousseau sei davon überzeugt gewesen, dass bestimmte Formen der Vergesellschaftung den Menschen in die Unwahrheit geführt haben. Streben nach Besitz führten zu Konkurrenz, Macht, Hierarchie, Misstrauen, Maskaraden und Täuschungen. Nur der Rückzug aus gesellschaftlichen Konventionen könne zur Entdeckung der Wahrheit in sich selbst führen.

Kleist habe die empfundene Sinnlosigkeit zunächst mit der Entwicklung und Verfolgung eines Lebensplans überwinden wollen, der den Zufall („Signatur der Sinnlosigkeit“) ausschließen sollte. Sein Lebensplan sei beseelt vom Geist des Machbaren und vom Willen zu schrankenloser Selbstbewirtschaftung. Aus Sicht von Kleist habe jedoch Kant (der „Alleszermalmer“) das Vertrauen in die Vernunft dadurch vernichtet, dass er die Nichtexistenz einer absoluten Wahrheit nachgewiesen habe. Nachdem der Glaube Kleists an die Vernunft zerstört gewesen sei, hätten sich ihm Ehrgeiz und Geltungsdrang als „Gift für alle Freuden“ dargestellt. Die Welt sei nur als ästhetisches Phänomen zu rechtfertigen.

Nietzsche habe sich als Aufklärer gegen Illusionen und Einbildungen (die „Unterwelt des Ideals“) verstanden. Am Anfang seiner Religionskritik stehe die Erkenntnis, dass erst der menschliche Geist die Religion hervorgebracht habe. Anstatt die Erde in ein Paradies zu verwandeln, richteten sich die Hoffnungen der Religion auf ein eingebildetes Jenseits. Nietzsche habe versucht, das als unerträgliche empfundene Leben durch Philosophie, Weisheit und Kunst in eine unendliche Leidenschaft zu verwandeln. Nietzsche stelle auch die Frage danach, wie viel Wahrheit ein Mensch brauche – nach der Proportionalität des Bekömmlichen. Zuletzt bestehe Nietzsches Wahrheit in der Erkenntnis einer sinnverlassenen Welt. Leben sei „Wille zur Macht“ – vor allem über sich selbst.

Die wohltemperierte bürgerliche Zufriedenheit – Grundlage für bevorstehende politische Umbrüche und Krieg?
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Hermann Hesse, Literatur-Nobelpreisträger von 1946 zeichnet in seinem 1927 erstmals erschienenen Werk ein dunkel-düsteres Bild seiner Epoche.

Scharfe Kritik richtet Hermann Hesse gegen das Bürgertum, das bestrebt ist, sich allzu gemütlich einzurichten und notwendiges Engagement für zentrale gesellschaftliche Werte vermissen lässt – weit weg von ursprünglicher Natürlichkeit einerseits und vom erforderlichen Einsatz für gesellschaftlichen Fortschritt andererseits. Hesse ahnt den nächsten Krieg voraus und benennt als Kriegsgründe niedere Beweggründe wie Mordlust.

Etliche der von Hesse beschriebenen Bilder scheinen epochenunabhängig Geltung beanspruchen zu können – besonders für Zeiten, in denen sich Umbrüche andeuten. Hoffnung auf eine individuelle Weiterentwicklung ergibt sich aus den zahlreichen Teildimensionen einer Persönlichkeit, die sich vielfältig miteinander kombinieren lassen und damit immer wieder Neues ermöglichen.
Preis: EUR 9,00

Sun Tsu: Die Lehre von der cleveren Skrupellosigkeit – oder: Je größer das Schaf, desto dunkler das Fell
Zweifellos können viele der Ratschläge des chinesischen Generals Sun Tsus (544–496 vor Chr.) nicht mehr wörtlich genommen werden, sondern sind in unsere Zeit zu „übersetzen. Sun Tsu kann als Ratgeber für den bestmöglichen Einsatz der eigenen Kräfte und für das effiziente Haushalten mit den eigenen Mitteln verstanden werden.

Mit Moral aber haben die Gedanken Sun Tsus ausdrücklich nichts zu tun: Es geht ihm darum, mit eben allen zur Verfügung stehenden Mitteln den „Sieg“ zu erreichen. Als höchste Kunst erscheint ihm explizit diejenige des Täuschens und Betrügens, um zum Ziel, zum „Sieg“ zu gelangen.

Dies aber ist doch eine sehr beschränkte Sicht der Dinge, genauer gesagt, eine Weltsicht, die in der Gefahr steht, sich auf Skrupellosigkeit zu reduzieren: Der Zweck („der Sieg“) heiligt jedes Mittel, jede Hinterhältigkeit, jede Rücksichtslosigkeit, jede Brutalität. Das aber hat der Weltgeschichte schon mehrmals nicht besonders gut getan.

Der (militärische) „Sieg“ hat bei Sun Tsu den Anklang einer Ersatzreligion. Aber verdient es Sun Tsu deshalb schon, zum Philosophen geadelt zu werden? Das Frösteln im Angesicht seiner brutalstmöglichen Eiseskälte, die sich auch in heutigen Lebensformen wiederfindet, ist wohl nicht als Reflex auf die „Liebe zur Weisheit“ zur verstehen… Die wahren „Feinde“ des Gemeinwesens sind auf Dauer diejenigen morallosen Technokraten, in deren merkwürdig verengtem, tunnelartigem Denken zuletzt jedes Mittel zur Zielerreichung recht ist.

Empfehlenswerte Lektüre für jeden, der die Denkweisen von Despotien in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verstehen und gerne einmal in die tiefsten Abgründe der Gewissenlosigkeit blicken möchte. Als Pflichtlektüre natürlich auch angehenden Völkerrechtsverletzern und Kriegsverbrechern dringend anzuraten. Dreimal hoch lebe die „clevere“, kaltschnäutzige, brutalstmögliche Skrupellosigkeit.