Kenntnisreich und in mitreißendem Schreibstil beleuchtet Rüdiger Safranski den Lebenslauf Johann Wolfgang Goethes (1749-1832). Inhalte, Entstehungsgeschichte und gedanklicher Hintergrund der einzelnen Werke Goethes werden erst dann wirklich verständlich, wenn sie in einen (mit dieser Safranski-Biografie ausgezeichnet gelungenen) Bezug zu den verschiedenen Lebensstationen Goethes, seiner Persönlichkeit und zum zeitgenössischen Umfeld gesetzt werden. Rüdiger Safranski erläutert beispielsweise, warum einzelne Werke anlassbezogen in wenigen Tagen entstanden, während Goethe an seinem „Faust“ – mit Unterbrechungen – sechs Jahrzehnte arbeitete, also über diverse Lebensphasen hinweg.

Nach der Lektüre dieser intensiv wirkenden Biografie versteht ein potenzieller Goethe-Leser dessen Werke bestimmt nicht mehr als eine bloß fremdartig wirkende Literatur aus längst vergangenen Zeiten. Vielmehr erscheint jedes Buch Goethes und auch sein Gesamtwerk nach der Lektüre dieser Biografie in einem völlig neuen Licht: So bedeutete etwa „Poesie“ für Goethe nicht eine beliebige, von der Realität losgelöste „Erfindung“ irgendwelcher Inhalte, sondern eine verstärkte Darstellung, eine Erhöhung realer Sachverhalte und Gefühle, so wie er sie eben zu einem bestimmten Zeitpunkt empfunden hat.

Über die Befriedigung eines rein historischen Interesses hinaus wird dem heutigen Leser der konkrete Nutzen deutlich, den er in der Gegenwart aus den Erkenntnissen des weit vorausschauenden Goethe ziehen kann. Jeder Leser dürfte sich nicht nur in den gleichermaßen weitgreifenden und unmittelbar eingängigen Erkenntnissen Goethes, sondern auch in den präzise beschriebenen Eigenschaften von Protagonisten und auch an historischen Schauplätzen wiederfinden.

Biograf Safranski versteht es auf wirklich faszinierende Weise, den Leser mit Goethe und mit zahlreichen seiner Bekannten und Freunde aus Frankfurt, Weimar und Jena, aus Leipzig, Zürich und Berlin, aus Düsseldorf, Wiesbaden oder Elberfeld vertraut zu machen – von Herder, Lavater, Brentano und Humboldt, von Metternich bis Napoleon, von Lilli Schönemann und Charlotte von Stein bis zu Christiane Vulpius – um nur ganz wenige zu nennen.

Wer diese Biografie gelesen hat, der wird sich auch den so individuellen, so unterschiedlichen Einzelwerken des „Meisters aus Deutschland“ mit unvergleichlich größerem Verständnis, wie mit weit geöffneten Augen annähern können. Die Bücher des „großen Meisters aus Deutschland“ bekommen eine viel tiefere Bedeutung – als dies vielleicht in so manchem Schulunterricht (schon aus Zeitgründen) möglich war.

Buch-Empfehlung: Eine mitreißende Biografie, die nicht nur den Protagonisten Johann Wolfgang Goethe, den Frankfurter Bürger aus gut situierter Familie und den Staatsminister von Sachsen-Weimar wieder zum Leben zu erwecken scheint, sondern in ungemein eindrücklicher Darstellung auch den praktischen Nutzen der Erkenntnisse Goethes für unsere heutige Zeit vermittelt.

 

Die Biografin Elisabeth Young-Bruehl (1946-2011) war einst Studentin bei der Philosophin, Politik-Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) an der New Yorker School School for Social Research. Für die Ausarbeitung der vorliegenden Biografie standen des Psychotherapeutin Young-Bruehl auch der Arendt-Nachlass und die umfangreiche Korrespondenz Arendts weitestgehend zur Verfügung. Die Biografie vermittelt einen fachlich detaillierten, aber auch emotional berührenden Einblick in Persönlichkeit, Lebenslauf und die wichtigsten Werke Hannah Arendts.

Zu den Hauptwerken Hannah Arendts gehören „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (politisch) sowie „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (philosophisch). Eine besondere Rolle spielt die Arendt-Biografie über die jüdisch geborene und 1814 zum Christentum konvertierte Rahel Varnhagen (1771-1833), die von 1790 bis 1806 einen bedeutenden literarischen Salon in Berlin führte und der sich Hannah Arendt in verschiedener Hinsicht nahe fühlte.

Die Wurzeln der im ostpreußischen Königsberg ansässigen jüdischen Familien Arendt und Cohn werden ebenso eingehend beleuchtet wie alle wichtigen Lebens- und Berufsstationen Arendts. Hervorragend gelungen ist der Biografin auch die Einbettung der Lebensgeschichte Hannah Arendts in ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund – zwischen verlorener deutscher Heimat, jüdischer Identität, einem für Spätgeborene kaum vollumfänglich nachvollziehbaren Grauen des Nationalsozialismus und der neuen Heimat USA.

Nach ihrer Emigration aus Deutschland (1933) und dem Verlust ihrer deutschen Staatsangehörigkeit (1937) erhielt Arendt erst nach langer und schmerzhaft empfundener Staatenlosigkeit im Jahr 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hannah Arendt zu einer wirkmächtigen Professorin, Journalistin, Historikerin und „politischen Philosophin“ – vor dem Hintergrund von israelischer Staatsgründung, Eichmann-Prozess in Jerusalem, Vietnam-Krieg, Black-Power-Bewegung in den USA, Ermordung von John F. Kennedy und Martin Luther King sowie Watergate-Skandal.

Leben und Denken Hannah Arendts wurde von den Kontakten zu Martin Heidegger, bei dem sie zwei Semester Philosophie in Marburg studierte, sowie durch die lebenslange Verbundenheit zu Karl Jaspers wesentlich mitgeprägt, bei dem sie in Heidelberg promoviert hatte.

 

Gut strukturierte und auch für Laien gut verständliche Darstellung der Gravitationswellen und der von Albert Einstein im Jahr 1915 veröffentlichten Allgemeinen Relativitätstheorie, deren bisherige Ergebnisse Einsteins geniale Annahmen bislang bestätigt haben.

Anlass und Ausgangspunkt des Gravitationswellen-Buches von Günter Spanner ist der erstmalige direkte Nachweis einer Gravitationswelle durch zwei US-amerikanische Interferometer im September 2015. Die Gravitationswelle stammte von zwei Schwarzen Löchern, die vor 1,3 Milliarden Jahren zusammenstürzten und über insgesamt 65 Sonnenmassen verfügten. Von dieser Gesamtmasse wurden in einem gewaltigen kosmischen Ereignis drei Sonnenmassen in Gravitationsenergie umgewandelt und abgestrahlt.

Der Autor erläutert sehr anschaulich und detailliert, wie die dem Gravitationswellen-Nachweis dienenden Interferometer-Großanlagen funktionieren und welche Informationen aus den den verschiedenen Bestandteilen der Gravitationswellen abgeleitet werden können.

Günter Spanner zeigt die potenzielle Bedeutung der Gravitationswellenforschung für ein besseres Verständnis des Universums auf – nicht zuletzt auch bei der Erforschung der Dunklen Materie. Als mögliche Quellen einer Gravitationswelle beschreibt der Autor unter anderem Schwarze Löcher, Supernovae und Neutronensterne insbesondere auch Magnetare und Pulsare, die sich zudem als „kosmische Messstationen“ für Gravitationswellen nutzen lassen.

In einem Ausblick erläutert der Günter Spanner die absehbar nächsten Schritte der internationalen Gravitationsforschung. Dabei handelt es sich sowohl um erdgebundene Interferometer-Projekte als auch um gewaltige Weltraum-gestützte Vorhaben. Zu den terrestrischen Entwicklungen zum verbesserten Gravitationswellen-Nachweis zählt der Aufbau eines weltweiten Netzes von Interferometern in den USA, Deutschland, Italien, Indien und Japan.

Abschließend gibt der Autor einen Überblick über die aktuelle Theorie-Diskussion in Astrophysik und Kosmologie.

Aufgrund der fachkundigen und verständlichen Darstellung empfehlenswert.

Eventuelle Vorkenntnisse: Grundkenntnisse der Speziellen Relativitätstheorie erleichtern das Verständnis der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Gravitation als einer der vier physikalischen Grundkräfte.

 

 

Rüdiger Safranski stellt die wesentlichen Gedanken und Werke von Friedrich Nietzsche sehr klar und überzeugend vor – unter Verknüpfung mit der Biografie des Philosophen: Nur auf diese Weise lassen sich die teils widersprüchlichen Aussagen einordnen, die Friedrich Nietzsche zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebenslaufs entwickelte. Das Nietzsche-Werk Safranskis zeichnet sich durch einen klaren roten Faden aus. Der Autor verfügt über ein faszinierendes Universalwissen, das es ihm fast spielerisch ermöglicht, komplexe Zusammenhänge gut verständlich aufzuzeigen.

Safranski arbeitet die Verbindung Nietzsches mit dem zeitgenössischen Hintergrund heraus und verdeutlicht die gewaltige Wirkung Nietzsches auf nachfolgende Philosophen-Generationen, aber auch auf Politik und Gesellschaft. Gedankenlinien führen beispielsweise zu Sigmund Freud, Martin Heidegger, Thomas Mann, Henri Bergson, Adorno/Horkheimer und Michel Foucault. Der Autor erläutert, wie es dazu kam, dass einige Nietzsche-Äußerungen einseitig für bestimmte (insbesondere politische) Zwecke missbraucht werden konnten. Eine im Anhang befindliche „Chronik“ enthält eine nach einzelnen Kalenderjahren strukturierte, stichwortartige Nietzsche-Biografie.

Rüdiger Safranski verfügt über einen sehr gut verständlichen Schreibstil – bei dem jedoch jeder einzelne Satz von Bedeutung ist. Jedes Wort scheint bei Safranski abgewogen. Kein Satz ist überflüssig. Das heißt für den Leser: Jeder Satz muss „ernst genommen“ werden, nichts darf schnell einmal „überlesen“ werden – weil sonst das Verständnis für die fein gewobenen Gedankengänge des Autors verloren ginge.

Man wird bestimmt nicht jedem einzelnen Gedanken Nietzsches wortwörtlich folgen wollen, aber aus der wirbelnden Ideenwelt des Philosophen Friedrich Nietzsche ergeben sich sicherlich vielfältige Erkenntnisse und Gedankenanstöße.

Lesenswert – für jeden, der Grundlagen und Zusammenhänge europäischer Kultur verstehen möchte.

 

In seinem 2017 erschienenen Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ beschreibt der Diplomphysiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sehr fachkundig und zugleich unterhaltsam verschiedenste Facetten unserer Lebensweise – in einer historischen Übergangsphase, die von gesellschaftlichen Umwälzungen gekennzeichnet ist.

Der Autor vermittelt seinen Lesern zahlreiche Gedankenanstöße, die beim Reflektieren des „Fortschritts“ helfen. Yogeshwar beleuchtet die Symptome besorgniserregender Entwicklungen und zeigt die dahinterliegenden Ursachen auf, die mit einem zwar grundsätzlich unvermeidlichen, gegenwärtig aber all zu oft fragwürdigen Wandel verbunden sind.

Der „rote Faden“ des Buches erschließt sich erst während der gründlichen Lektüre. Wer zunächst nur das Inhaltsverzeichnis durchsieht, der erkennt den inhaltlichen Gesamtrahmen des Buches allenfalls fragmentarisch: Zu sehr wird in den Zwischenüberschriften mit bunten Sprachbildern gearbeitet, die zunächst mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben und auf ein bloßes Sammelsurium von „Geschichten“ (Buch-Untertitel) schließen lassen.

Doch in den darauf folgenden elf Kapiteln beschreibt Yogeshwar sehr fachkompetent und überzeugend aktuelle Entwicklungen in Themenbereichen wie Digitalisierung und Automatisierung, Internet und Medien, Risiken der Atomtechnologie, Gentechnik, Verhältnis von Mensch und Maschine, Gefahren einer Totalüberwachung, Umwelt und Ressourcenverbrauch, natürliche und von Menschen beeinflusste Evolution, Zusammenleben von Inländern und Ausländern, Bedeutung von Bildung sowie eine sich verstärkende Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Yogeshwar hinterfragt kritisch ein vorrangig am ökonomischen Fortschritt orientiertes Wirtschaftssystem, prangert einen verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen des Planeten Erde an und fordert neue Prioritäten für das Zusammenleben.

Mit großem Engagement plädiert Yogeshwar insbesondere für ein Überdenken unserer Lebensweise, die die Ressourcen unserer Planeten raubbauartig zulasten nachfolgender Generationen verzehrt. Nach Überzeugung von Ranga Yogeshwar sind die Regeln der Marktwirtschaft als alleinige Mittel zur Verantwortungsbewussten Gestaltung von Gegenwart und Zukunft nicht geeignet. Wir haben, so Yogeshwar, die Freiheit, aufkommende Entwicklungen mit gesundem Menschenverstandauch einmal abzulehnen und nicht einer überbordenden Werbemaschinerie, die den Konsumenten Bedürfnisse einredet, gedankenlos zu folgen.

Ziel des Autors ist nicht die Darstellung einer in sich geschlossenen Zukunftsvision, sondern vorrangig die Beschreibung der gegenwärtig wesentlichen Entwicklungsrichtungen. Yogeshwars Buch ist jedoch nicht nur eine Zusammenstellung von leicht verständlichen „Geschichten“, wie er im Untertitel bescheiden sagt. Als Wissenschaftsjournalist nimmt Yogeshwar auch engagiert und prononciert Stellung zu etlichen Unwuchten, die die westliche Lebensweise zulasten anderer Kulturkreise und nachfolgender Generationen kennzeichnet.

Yogeshwar warnt vor irrationalen Zukunftsängsten und plädiert stattdessen für einen offenen Umgang mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft – für eine „Welt, in der niemand auf Kosten anderer lebt – in der nicht die einen erwarten und die anderen erfüllen.“

 

Die Traumata von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg: Eingewoben in die Persönlichkeiten der Nachkriegsgeneration
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Traumatische Erlebnisse haben einen großen Teil der Kriegsgeneration tief geprägt. Sabine Bode beleuchtet in zwanzig  Kapiteln psychische Auffälligkeiten, die für viele Persönlichkeiten der Nachkriegsgeneration (Kriegsenkel) und deren Familien charakteristisch sind.
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Eine systematische Trauma-Verarbeitung war der Kriegsgeneration angesichts eines seinerzeit chaotischen Umfeldes jedoch kaum möglich. Nicht verwunderlich ist daher, dass die Erziehung vieler Kriegsenkel (der Nachkommen der Kriegskinder) von den traumatischen Erlebnissen der Elterngeneration stark beeinflusst wurde.
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Sabine Bode zeigt auf, dass in der deutschen Nachkriegsgesellschaft über Jahrzehnte hinweg zwar eine Schulddiskussion stattfand, hierbei jedoch die Folgen von Nationalsozialismus und Kriegstraumata auf die Kriegsenkel  nicht thematisiert wurden. Erst Anfang des 21. Jahrhunderts (mehr als 50 Jahre nach Kriegsende) begann die Aufarbeitung derjenigen Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges, die die Kriegsenkel-Generation trafen.
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Viele Kriegsenkel haben sich mit ihrem Trauma-Erbe oft über Jahrzehnte herumgequält, aber vergeblich nach einem Schlüssel zu bestimmten Merkmalen der eigenen Persönlichkeit gesucht. Wer als Kind eines Kriegskindes (insbesondere eines Flüchtlingskindes) das Verständnis für die Entwicklung seiner Persönlichkeit noch nicht gefunden hat, der dürfte bei Sabine Bode wohl häufig rasch fündig werden.
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Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – für alle diejenigen aus der Nachkriegsgeneration, deren Eltern möglicherweise nie verarbeitete Kriegstraumata erlitten haben. Viele Leser aus dieser Zielgruppe dürften rasch zu verblüffenden und zugleich erleichternden Einsichten und Antworten zu bisher unbeantworteten, bedrückenden Fragen gelangen.

Strukturmodell der Psyche: grundlegend für die Psychoanalyse
1923 veröffentliche Sigmund Freud die Abhandlung „Das Ich und das Es“, in der er die Funktionsweise der Psyche erläutert. Die Lektüre eignet sich für alle, die an einer besseren (Selbst- und Fremd-) Erkenntnis der (überwiegend unbewussten) psychischen Vorgänge interessiert sind. Grundlegende Vorkenntnisse zum Strukturmodell der Psyche (Ich, Es, Über-Ich) erleichtern das Verständnis etlicher (ansonsten vielleicht zu komprimiert erscheinender) Gedanken Freuds.

Sigmund Freud erläutert in „Das Es und das Ich“ unter anderem
• die Struktur der Psyche und das Zusammenwirken der „Instanzen“ Ich, Es und Über-Ich,
• die Eigenschaft des Über-Ichs als eines Teiles des Ichs, das wiederum einen besonderen Bestandteil des Es darstellt,
Verdrängung und Widerstand,
das Bewusste, das Vorbewusste und das Unbewusste,
• die Bedeutung von „Wortvorstellungen als Erinnerungsresten“ (für den Bereich des Vorbewussten),
• bewusste Schuldgefühle (insbesondere als Spannungen zwischen Gewissen (bewusster Teil des Über-Ichs) und Ich)
• die unbewussten Schuldgefühle,
• die Ablösung von „Objektbesetzungen“ durch „Identifizierungen“ (im Ich),
• Entstehung und „Zertrümmerung“ des Ödipus-Komplexes (in „einfacher“ und „vollständigerer“ Ausprägung),
• die zwei grundlegenden Triebe Sexualtrieb (Eros) und Todestrieb,
• das Phänomen der „verschiebbaren Energie“ innerhalb der Psyche und
• die Unterschiede von Melancholie und Zwangsneurose (unter Berücksichtigung der Elemente des Strukturmodells der Psyche).

Antonio Damasio beschreibt aus Sicht der Neurobiologie, was Gefühle sind und was sie bewirken. Das Verständnis der Gefühle ist für ihn die Voraussetzung für den Entwurf eines Menschenbildes. Damasio versteht sich zuerst als Naturwissenschaftler, dann als Biologe, dann erst als Neurobiologe. Tatsächlich bewegt sich der Autor an der Schnittstelle zwischen Neurobiologie, Psychologie und Philosophie.

Zunächst untersucht Damasio die Begriffe Emotion und Gefühl bis in neurobiologisch-medizinische Details und befasst sich dann intensiv sowohl mit der Philosophie und der persönlichen Historie Spinozas als auch mit der sephardisch-jüdischen Geschichte, vor deren Hintergrund Spinoza zu interpretieren ist.
Ausgehend von der Unterscheidung von Emotionen (Zuordnung zum Körper) und Gefühlen (Zuordnung zum Geist) lautet die Kernthese Damasios, dass Emotionen den Gefühlen vorauslaufen. In Abweichung von Descartes` Aussage: Je pense, donc je suis, setzt Damasios Gedankenkette früher an, nämlich bei den Gefühlen, die vor den Gedanken stehen: Je sens, donc je pense, donc je suis.

Mit starkem Understatement behauptet Damasio, er sei kein Philosoph, sondern schlichter Biologe. Aber dann beweist er seine große Kenntnis nicht nur Spinozas, sondern grenzt ihn vor allem gegen Descartes ab und zeigt Bezüge zu Aristoteles, Kant, Hegel, Freud und Einstein auf. Für Damasio ist Spinoza ein Vorreiter naturwissenschaftlichen Denkens, eine Art Vorzeigephilosoph, fast ein Schutzpatron der Naturwissenschaftler.

Im Gegensatz zu Descartes gehe Spinoza davon aus, dass Geist und Körper parallele Merkmale ein- und derselben Substanz seien. Schon Spinoza habe das Wesen von Emotionen und Gefühlen und die Beziehung zwischen Geist und Körper untersucht. Spinoza sei ein Vorläufer des modernen biologischen Denkens.
Hinsichtlich der Unterscheidung zwischen Gut und Böse führt Damasio aus, dass dasjenige gut sei, was dauerhaft und zuverlässig Freude hervorrufe. Eine gute Handlung sei eine solche, die in diesem Sinne Gutes bewirke und anderen Individuen keinen Schaden zufüge. Die Freiheit liege, so meint Damasio folgerichtig, in der Verringerung objektbezogener emotionaler Bedürfnisse, die uns versklavten.
Hochentwickelte Gesellschaften, sagt Damasio, würden einen schamlosen Kult mit Gefühlen betreiben und sie mit viel Aufwand manipulieren. Politik orientiere sich an einem unzulänglichen Menschenbild, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriere – mit der Folge von Korruption und selbstsüchtigem Verhalten.

Exzellenter Einstieg in die Philosophie, wunderbar geschrieben.
Der Philosoph und Politologe Luc Ferry, früherer französischer Erziehungsminister beschreibt in seinem Buch mit dem eher wenig aussagekräftigen Titel „Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung“ fünf philosophische (bzw. religiöse) Gedankengebäude: Den griechisch-römischen Stoizismus, das Christentum, den Humanismus (mit den Hauptrepräsentanten Descartes, Rousseau und Kant), die Postmoderne (insbesondere Nietzsche) und die zeitgenössische Philosophie nach der „Dekonstruktion“ (durch Nietzsche und seine ideengeschichtlichen Nachfolger).

Ferry stellt die einzelnen Denkrichtungen zunächst neutral dar – jeweils gegliedert nach den drei philosophischen Hauptthemen: Theorie (Verständnis dessen, was ist), Ethik/Moral (Bedürfnis nach Gerechtigkeit/wie sollte es sein?) und Weisheit (Suche nach Glück).

Daran anschließend nimmt der Autor Stellung und begründet schließlich seine Position als Humanist des „erweiterten Denkens“, der auf eigene Positionierung nicht verzichtet, aber sich für andere Philosophie-Richtungen öffnet, um seine Sichtweise kontinuierlich zu erweitern. Sein Arbeitsprintip lautet: Zu sich selbst auf Distanz gehen, um Selbstreflexion zu ermöglichen.

Der Titel „philosphische Gebrauchsanweisung“ erscheint eher nichtssagend und sehr austauschbar – wohl eine vergebene Chance, noch mehr – berechtigte – Aufmerksamkeit für ein wirklich überzeugendes Werk zu erzielen… sehr kompakter, unter prägnanten Schwerpunktsetzungen klar strukturierter und dabei leicht lesbarer Gesamtüberblick über die wesentlichsten philosophischen Grundrichtungen.
Empfehlung: Selbst mehrfaches Lesen dieses Buches ist keine Zeitverschwendung..

Eine inhaltlich ausgezeichnete Einführung in die Mikro- und Astrophysik durch einen sehr fachkundigen Autor, der dem Leser eine komplexe Materie in aufgelockerter Form nahe bringt und auch über historische Entwicklungen (z. B. am CERN) informiert.

Allerdings: Abrufbare Vorkenntnisse über die Spezielle Relativitätstheorie Einsteins erleichtern ganz bestimmt den Einstieg in das Buch. Wer sich ohne das „Marschgepäck“ eines Vorwissens zum mikrokosmischen „Teilchenzoo“ an die Lektüre wagt, der dürfte womöglich bald enttäuscht aufgeben, zumal der Autor – begeistert über das Thema mit seiner Fachkompetenz spielend – auch schon einmal Fachbegriffe verwendet, ohne diese zuvor zu erläutern.

Wer jedoch die ersten etwa 60 Seiten sorgfältig durchgearbeitet hat und mit den Grundbegriffen des „Teilchenzoos“ umgehen kann, der wird wohl auch an den „restlichen“ 440 Seiten zu CERN, Higgs-Boson, Antimaterie, Dunkler Materie, Dunkler Energie, Supersymmetrien und Stringtheorie Interesse finden und sich ein außerordentlich spannendes und vom Autor gut aufbereitetes Thema erschließen, das schließlich sogar philosophische Fragen berührt.

Ein schnelles Durchlesen „im Vorübergehen“ ist nicht zu empfehlen. Regelmäßiges Nachschlagen an denjenigen Textstellen, in denen bestimmte Fachbegriffe der Mikro- oder Astrophysik erstmals erläutert werden, erscheint unerlässlich, um dem weiteren Textverlauf folgen zu können. Wer als Laie allzu oft (nach etlichen Seiten nicht mehr präsente) Fachbegriffe „überliest“, ohne immer wieder einzuhalten und sich die Mühe zu machen, Fachliches sich noch einmal bewusst machen, der wird nur einen eingeschränkten Nutzen aus dem Buch ziehen können.

Erwähnt werden muss aber, dass dieses Sachbuch einen durchaus schwerwiegenden Mangel aufweist (gerade für in der Mikro- und Astrophysik zunächst unkundige Laien): Das Buch verfügt nur über ein rudimentäres Inhaltsverzeichnis und verzichtet auf jegliches Stichwortverzeichnis – ein eklatante Lücke für ein thematisch anspruchsvolles Werk. Die daher erforderliche (eben auch nicht durch ein hinreichend aufgegliedertes Inhaltsverzeichnis unterstützte) Suche nach den erläuternden Fundstellen innerhalb eines 500-seitigen Buches ist für den Leser sehr umständlich und zeitaufwändig (wenn man denn den Text wirklich verstehen möchte).

Dieser Mangel wird auch nicht durch die exzellenten Übersichten zu Kernbegriffen der Mikro- und Astrophysik (in Tabellen- bzw. Listenform), am Ende jedes der sieben Kapitel eingefügte Zusammenfassungen oder durch das umfangreiche Literaturverzeichnis ausgeglichen. Wegen des sehr guten und insgesamt verständlich dargestellten Inhalts ist das Buch gleichwohl empfehlenswert.