Die Biografin Elisabeth Young-Bruehl (1946-2011) war einst Studentin bei der Philosophin, Politik-Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) an der New Yorker School School for Social Research. Für die Ausarbeitung der vorliegenden Biografie standen des Psychotherapeutin Young-Bruehl auch der Arendt-Nachlass und die umfangreiche Korrespondenz Arendts weitestgehend zur Verfügung. Die Biografie vermittelt einen fachlich detaillierten, aber auch emotional berührenden Einblick in Persönlichkeit, Lebenslauf und die wichtigsten Werke Hannah Arendts.

Zu den Hauptwerken Hannah Arendts gehören „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (politisch) sowie „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (philosophisch). Eine besondere Rolle spielt die Arendt-Biografie über die jüdisch geborene und 1814 zum Christentum konvertierte Rahel Varnhagen (1771-1833), die von 1790 bis 1806 einen bedeutenden literarischen Salon in Berlin führte und der sich Hannah Arendt in verschiedener Hinsicht nahe fühlte.

Die Wurzeln der im ostpreußischen Königsberg ansässigen jüdischen Familien Arendt und Cohn werden ebenso eingehend beleuchtet wie alle wichtigen Lebens- und Berufsstationen Arendts. Hervorragend gelungen ist der Biografin auch die Einbettung der Lebensgeschichte Hannah Arendts in ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund – zwischen verlorener deutscher Heimat, jüdischer Identität, einem für Spätgeborene kaum vollumfänglich nachvollziehbaren Grauen des Nationalsozialismus und der neuen Heimat USA.

Nach ihrer Emigration aus Deutschland (1933) und dem Verlust ihrer deutschen Staatsangehörigkeit (1937) erhielt Arendt erst nach langer und schmerzhaft empfundener Staatenlosigkeit im Jahr 1951 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hannah Arendt zu einer wirkmächtigen Professorin, Journalistin, Historikerin und „politischen Philosophin“ – vor dem Hintergrund von israelischer Staatsgründung, Eichmann-Prozess in Jerusalem, Vietnam-Krieg, Black-Power-Bewegung in den USA, Ermordung von John F. Kennedy und Martin Luther King sowie Watergate-Skandal.

Leben und Denken Hannah Arendts wurde von den Kontakten zu Martin Heidegger, bei dem sie zwei Semester Philosophie in Marburg studierte, sowie durch die lebenslange Verbundenheit zu Karl Jaspers wesentlich mitgeprägt, bei dem sie in Heidelberg promoviert hatte.

 

Rüdiger Safranski stellt die wesentlichen Gedanken und Werke von Friedrich Nietzsche sehr klar und überzeugend vor – unter Verknüpfung mit der Biografie des Philosophen: Nur auf diese Weise lassen sich die teils widersprüchlichen Aussagen einordnen, die Friedrich Nietzsche zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebenslaufs entwickelte. Das Nietzsche-Werk Safranskis zeichnet sich durch einen klaren roten Faden aus. Der Autor verfügt über ein faszinierendes Universalwissen, das es ihm fast spielerisch ermöglicht, komplexe Zusammenhänge gut verständlich aufzuzeigen.

Safranski arbeitet die Verbindung Nietzsches mit dem zeitgenössischen Hintergrund heraus und verdeutlicht die gewaltige Wirkung Nietzsches auf nachfolgende Philosophen-Generationen, aber auch auf Politik und Gesellschaft. Gedankenlinien führen beispielsweise zu Sigmund Freud, Martin Heidegger, Thomas Mann, Henri Bergson, Adorno/Horkheimer und Michel Foucault. Der Autor erläutert, wie es dazu kam, dass einige Nietzsche-Äußerungen einseitig für bestimmte (insbesondere politische) Zwecke missbraucht werden konnten. Eine im Anhang befindliche „Chronik“ enthält eine nach einzelnen Kalenderjahren strukturierte, stichwortartige Nietzsche-Biografie.

Rüdiger Safranski verfügt über einen sehr gut verständlichen Schreibstil – bei dem jedoch jeder einzelne Satz von Bedeutung ist. Jedes Wort scheint bei Safranski abgewogen. Kein Satz ist überflüssig. Das heißt für den Leser: Jeder Satz muss „ernst genommen“ werden, nichts darf schnell einmal „überlesen“ werden – weil sonst das Verständnis für die fein gewobenen Gedankengänge des Autors verloren ginge.

Man wird bestimmt nicht jedem einzelnen Gedanken Nietzsches wortwörtlich folgen wollen, aber aus der wirbelnden Ideenwelt des Philosophen Friedrich Nietzsche ergeben sich sicherlich vielfältige Erkenntnisse und Gedankenanstöße.

Lesenswert – für jeden, der Grundlagen und Zusammenhänge europäischer Kultur verstehen möchte.

 

Haben oder Sein – wohl eine Frage des Überlebens der Menschheit – und vielleicht aktueller denn je
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„Haben oder Sein“, das Hauptwerk des Psychoanalytikers und Philosophen Erich Fromm (1900-1980) erschien 1976Fromm vergleicht die Lebensformen des Habens und des Seins und entwirft eine individuelle und gesellschaftliche Vision der Wege, auf denen die Lebensform des Seins schrittweise erreicht werden könnte.

Der Lebenseinstellung des Habens werde, so Erich Fromm, von Gewinnsucht und Machtstreben bestimmt. Die Verhaltensweise des Habens löse Aggressionen aus und verursache Gier, Neid und Gewalt. Die Welt des „Habens“ habe sich im Mittelalter ausgebildet und führe die Welt heute in den psychischen und ökologischen Abgrund.

Um die sich nach Auffassung von Fromm abzeichnende Menschheits-Katastrophe noch abzuwenden, sei ein Übergang in die Lebensform des Seins unabdingbar. Zu den von Fromm vorgeschlagenen Maßnahmen gehören
• die allmähliche Entwicklung von Charakterstrukturen, die am Sein orientiert sind,
• die Eindämmung einer maßlosen Konsum-Orientierung,
• damit einhergehend der Übergang von der Vorstellung eines grenzenlosen auf ein selektives Wachstum sowie
• eine grundlegende Umorganisation von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.

Etliche Jahrzehnte nach seinem Erscheinen hat das Buch Fromms eher noch an Brisanz gewonnen – angesichts
betrügerischer Konzerne, die Verbraucher, Arbeitnehmer und natürliche Ressourcen weltweit hemmungslos ausbeuten,
• einer permanenten Gehirnwäsche, mit der einige Staaten und etliche Unternehmen ihre Interessen gegenüber Bürgern und Verbrauchern (teilweise sehr erfolgreich) durchzusetzen versuchen,
• einer Weltfinanzkrise, deren Ursachen noch längst nicht überwunden sind (Beispiel: Überschuldung von Verbrauchern, Banken und Staaten), sondern deren Symptome von Notenbanken mit einer gefährlichen Geldschwemme lediglich übertüncht wurden,
• eines krakenhaft um sich greifenden Lobbyismus, der zu einer teilweise abstoßenden Verquickung von Wirtschaft und Politik geführt und damit eine Aushöhlung von Rechtsstaat und Demokratie bewirkt hat,
• einer „postfaktischen“ Denkrichtung, die systematisch und religionsartig die Lüge zur Wahrheit verklärt sowie (nicht zuletzt)
• skrupelloser, machtorientierter, egomaner Despoten, die an die Paten einer Mafia-Organisation erinnern, denen es gelungen ist, höchste Staatsämter zu kapern.

Fromms Vision von der Lebensform des Seins ist von brennender Aktualität.

Die Suche nach dem Glück: Unterhaltsame Lektüre mit Tiefgang
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Das „Büchlein“ Anleitung zum Unglücksichsein des Philosophen, Psychotherapeuten und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick (1921-2007)  ist nicht nur leicht, sondern aufgrund seines geringen Umfangs auch schnell zu lesen und von daher sogar als Gutenachtlektüre geeignet. (Der seinerzeit stets zu Späßen aufgelegte Watzlawick verziehe mir sicherlich diese Ironie.)

Unterhaltsam und bildhaft geschrieben, mit einer Ironie, die zuweilen auch erst kurz vor der Grenze des Erträglichen endet, entwickelt die „Anleitung zum Unglücklichsein“ doch ihre tiefsinnigen Wendungen: Die Lage sei hoffnungslos, aber nicht ernst. Nach Alan Watts sei das Leben ein Spiel. Spielregel 1: Das ist kein Spiel, es ist todernst.

Die Grundeinstellung des Autors, seine Philosophie lässt sich leicht aus den von ihm hergestellten gedanklichen Bezügen ableiten: Mit Zitaten Dostojewskis beginnt und endet das Buch, und dazwischen bezieht sich Watzlawick auf Ovid, Nietzsche, Sartre und Karl Popper.

Watzlawick beschreibt unter anderem die „Sei spontan“-Paradoxie: Wie könne jemand noch spontan sein, nachdem er zur Spontaneität aufgefordert worden sei? Zwang und Spontaneität schlössen sich notwendigerweise aus.

Es gebe verschiedene Spielarten dieser Paradoxie, wie sie sich etwa äußere – im hoffentlich gut gemeinten – Wunsch „Sei glücklich!“ oder in der Aufforderung „Deine Pflicht muss dir Spaß machen!“. Wer nach dem Anspruch der Absender solcher Botschaften nicht „spontan“ oder „glücklich“ sei, habe das Gefühl, „schlecht“ zu sein und entwickele dann – wohl leider nicht immer unbeabsichtigt – Schuldgefühle.

Erinnert werden kann auch an das gerade in Großunternehmen häufig proklamierte: „Sei authentisch!“. Wie bloß in Gottes Namen kann „Authentizität“ unter dem Schwert des Zwangs gedeihen? Frei nach dem eher masochistisch anmutenden Motto: „Sei wahrhaft glücklich in der Umsetzung der erhaltenen Befehle!“ – wohl in nie enden wollender Dankbarkeit an die unvergessenen Wohltaten von Diktatoren. Zu hoffen bleibt nur, dass Befehlsempfänger niemals auf etwaige Ratlosigkeiten, Stümperhaftigkeiten oder gar kriminelle Energien zumal oberster Befehlsgeber stoßen. In Deutschland zumindest aber sind wir ja gottlob ganz frei von solchen Abwegen.

In seinem 2017 erschienenen Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ beschreibt der Diplomphysiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sehr fachkundig und zugleich unterhaltsam verschiedenste Facetten unserer Lebensweise – in einer historischen Übergangsphase, die von gesellschaftlichen Umwälzungen gekennzeichnet ist.

Der Autor vermittelt seinen Lesern zahlreiche Gedankenanstöße, die beim Reflektieren des „Fortschritts“ helfen. Yogeshwar beleuchtet die Symptome besorgniserregender Entwicklungen und zeigt die dahinterliegenden Ursachen auf, die mit einem zwar grundsätzlich unvermeidlichen, gegenwärtig aber all zu oft fragwürdigen Wandel verbunden sind.

Der „rote Faden“ des Buches erschließt sich erst während der gründlichen Lektüre. Wer zunächst nur das Inhaltsverzeichnis durchsieht, der erkennt den inhaltlichen Gesamtrahmen des Buches allenfalls fragmentarisch: Zu sehr wird in den Zwischenüberschriften mit bunten Sprachbildern gearbeitet, die zunächst mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben und auf ein bloßes Sammelsurium von „Geschichten“ (Buch-Untertitel) schließen lassen.

Doch in den darauf folgenden elf Kapiteln beschreibt Yogeshwar sehr fachkompetent und überzeugend aktuelle Entwicklungen in Themenbereichen wie Digitalisierung und Automatisierung, Internet und Medien, Risiken der Atomtechnologie, Gentechnik, Verhältnis von Mensch und Maschine, Gefahren einer Totalüberwachung, Umwelt und Ressourcenverbrauch, natürliche und von Menschen beeinflusste Evolution, Zusammenleben von Inländern und Ausländern, Bedeutung von Bildung sowie eine sich verstärkende Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Yogeshwar hinterfragt kritisch ein vorrangig am ökonomischen Fortschritt orientiertes Wirtschaftssystem, prangert einen verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen des Planeten Erde an und fordert neue Prioritäten für das Zusammenleben.

Mit großem Engagement plädiert Yogeshwar insbesondere für ein Überdenken unserer Lebensweise, die die Ressourcen unserer Planeten raubbauartig zulasten nachfolgender Generationen verzehrt. Nach Überzeugung von Ranga Yogeshwar sind die Regeln der Marktwirtschaft als alleinige Mittel zur Verantwortungsbewussten Gestaltung von Gegenwart und Zukunft nicht geeignet. Wir haben, so Yogeshwar, die Freiheit, aufkommende Entwicklungen mit gesundem Menschenverstandauch einmal abzulehnen und nicht einer überbordenden Werbemaschinerie, die den Konsumenten Bedürfnisse einredet, gedankenlos zu folgen.

Ziel des Autors ist nicht die Darstellung einer in sich geschlossenen Zukunftsvision, sondern vorrangig die Beschreibung der gegenwärtig wesentlichen Entwicklungsrichtungen. Yogeshwars Buch ist jedoch nicht nur eine Zusammenstellung von leicht verständlichen „Geschichten“, wie er im Untertitel bescheiden sagt. Als Wissenschaftsjournalist nimmt Yogeshwar auch engagiert und prononciert Stellung zu etlichen Unwuchten, die die westliche Lebensweise zulasten anderer Kulturkreise und nachfolgender Generationen kennzeichnet.

Yogeshwar warnt vor irrationalen Zukunftsängsten und plädiert stattdessen für einen offenen Umgang mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft – für eine „Welt, in der niemand auf Kosten anderer lebt – in der nicht die einen erwarten und die anderen erfüllen.“

 

Sun Tsu: Die Lehre von der cleveren Skrupellosigkeit – oder: Je größer das Schaf, desto dunkler das Fell
Zweifellos können viele der Ratschläge des chinesischen Generals Sun Tsus (544–496 vor Chr.) nicht mehr wörtlich genommen werden, sondern sind in unsere Zeit zu „übersetzen. Sun Tsu kann als Ratgeber für den bestmöglichen Einsatz der eigenen Kräfte und für das effiziente Haushalten mit den eigenen Mitteln verstanden werden.

Mit Moral aber haben die Gedanken Sun Tsus ausdrücklich nichts zu tun: Es geht ihm darum, mit eben allen zur Verfügung stehenden Mitteln den „Sieg“ zu erreichen. Als höchste Kunst erscheint ihm explizit diejenige des Täuschens und Betrügens, um zum Ziel, zum „Sieg“ zu gelangen.

Dies aber ist doch eine sehr beschränkte Sicht der Dinge, genauer gesagt, eine Weltsicht, die in der Gefahr steht, sich auf Skrupellosigkeit zu reduzieren: Der Zweck („der Sieg“) heiligt jedes Mittel, jede Hinterhältigkeit, jede Rücksichtslosigkeit, jede Brutalität. Das aber hat der Weltgeschichte schon mehrmals nicht besonders gut getan.

Der (militärische) „Sieg“ hat bei Sun Tsu den Anklang einer Ersatzreligion. Aber verdient es Sun Tsu deshalb schon, zum Philosophen geadelt zu werden? Das Frösteln im Angesicht seiner brutalstmöglichen Eiseskälte, die sich auch in heutigen Lebensformen wiederfindet, ist wohl nicht als Reflex auf die „Liebe zur Weisheit“ zur verstehen… Die wahren „Feinde“ des Gemeinwesens sind auf Dauer diejenigen morallosen Technokraten, in deren merkwürdig verengtem, tunnelartigem Denken zuletzt jedes Mittel zur Zielerreichung recht ist.

Empfehlenswerte Lektüre für jeden, der die Denkweisen von Despotien in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verstehen und gerne einmal in die tiefsten Abgründe der Gewissenlosigkeit blicken möchte. Als Pflichtlektüre natürlich auch angehenden Völkerrechtsverletzern und Kriegsverbrechern dringend anzuraten. Dreimal hoch lebe die „clevere“, kaltschnäutzige, brutalstmögliche Skrupellosigkeit.

Das zweiteilige Werk des systemvergleichenden Politikwissenschaftlers und Philosophen Alexis de Tocqueville (1805-1859) erschien 1835/1840. In einer historischen Momentaufnahme untersucht Tocqueville die Beziehung von Monarchie und Aristokratie zur Demokratie und nimmt eine Vorausschau künftiger Entwicklungen vor.

Tocqueville analysiert die aus seiner Sicht bestehenden strukturellen Stärken und Schwächen der Demokratie: Messerscharf in der Analyse – und zuweilen nahezu seherisch – untersucht er die Probleme des modernen Massenstaates.

Die von der Demokratie beförderte Gleichheit bewirke Individualität und Vereinzelung. Als Gegengewicht diene die Schaffung von Vereinigungen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken. Ziel sei es nicht, zu verhindern, dass jeder seinen eigenen Interessen folge. Jeder aber solle im eigenen Interesse anständig sein (Lehre vom wohlverstandenen Interesse). (Merkwürdig klingt vor diesem Hintergrund das „postfaktische“ Aufbegehren gegen das – eigentlich selbstverständliche – Gebot der „Korrektheit“).

Das Prinzip der sozialen Nützlichkeit und das Dogma der politischen Notwendigkeit könne in einem demokratischem System den Anlass geben, die individuellen Rechte mit Füßen zu tretenEs gehe also darum, – nicht zuletzt durch Gewaltenteilung, Subsidiaritätsprinzip und Förderung der Gemeindender zentralen Gewalt Grenzen zu setzen. Keine Nation, keine Organisation könne auf Dauer stark bleiben, wenn das Individuum in ihr schwach sei.

Alle Despotien seien in ihre Schranken zu weisen. Gefahr resultiere aus der Allmacht demokratischer Mehrheit. Denn irrtümlich werde angenommen, dass die Mehrheit als solche bereits über größere Weisheit als jeder Einzelne verfüge. Ganz im Gegenteil drohe eine Tyrannei der Mehrheit, die über die Neigungen und Triebe eines Despoten verfüge. Ziel müsse es daher sein, die Macht der Mehrheit zu mäßigen.

Jede Zentralgewalt liebe Gleichheit und Einheitlichkeit: Das erspare ihr die Prüfung vieler Einzelfälle. Zentralisierung vermindere aber sogleich den Bürgergeist; jede Allmacht lasse schließlich die Weisheit vermissen. Die Stärke jeder zentralisierten Verwaltung führe so eines Tages zu ihrem eigenen Untergang. Sie sei am Ende für Zerfall und Eroberung reif.

Die industrielle Klasse trage den Despotismus in sich. Die industrielle Aristokratie bewirke mit immer extremerer Arbeitsteilung die Verdummung und Verelendung der von ihr benutzten Menschen. Diese seien nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere. Die Fähigkeit, selbständig zu denken, zu fühlen und zu handeln, gehe verloren. (In ihrer – hier recht schmucklosen – Brutalität ist der Analyse des Liberalen (!) Tocqueville leider nichts hinzuzufügen.)

Díe Einsichten Tocquevilles schaffen nicht zuletzt Verständnis für einige der US-amerikanischen Wurzeln und die dortige Mentalität. Sie erklären vieles aus der „Ursuppe“ amerikanischen Denkens und Handelns.

Die Wucht seiner mächtigen Analyse hat nicht nur Zeitgenossen wie John Stuart Mill, dem vielleicht bedeutendsten englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, eines Begründers des Liberalismus und den (Wiesbadener) Philosophen Wilhelm Dilthey nachhaltig beeinflusst.

Peter Sloterdijk ist mit seinem Werk Kritik an der zynischen Vernunft ein Geniestreich gelungen: Komprimierte Darstellung philosophischer (und auch psychologischer) Erkenntnisse, großer inhaltlicher Tiefgang und eine sehr gute Lesbarkeit – diese Kombination ist für einen hochrangigen Wissenschaftler alles andere als selbstverständlich.

Sloterdijk analysiert die Unwuchten einer zynischen Geisteshaltung, die der westlichen, durch „Vernunft“ gesteuerten Kultur zugrunde liege. Der Aufruf zur Vernunft („Wissen ist Macht“) führe zu einer künstlichen Trennung von Intellekt und Sinnlichkeit. Es gelte den Zwang der europäischen Neurose zu brechen, die durch Vernunftanstrengung Glück zu erreichen suche.

Sloterdijk zeigt im Rahmen einer sorgfältigen „historischen Psychopathologie“ die Entwicklungslinien der zynischen Denkhaltung vom Wilhelminismus über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis in die Gegenwart auf. In der Weimarer Republik habe sich der Aufklärung ein wütender Widerstand gegen das „zersetzende“ Gespräch über Wahrheit entgegengestellt. (Stromlinienförmige „Loyalität“, die sich kaum von Kadavergehorsam unterscheidet, beansprucht keine Exklusivität für die Weimarer Republik, sondern ist auch für viele der heute in Staat und vor allem in Großunternehmen Machthabenden von allergrößter Bedeutung. „Aufklärung“ ist nicht gefragt, sondern wird lieber unter Strafe gestellt.)

Zynismus sei das „aufgeklärte falsche Bewusstsein“, das seine Aufklärungslektion gelernt, aber nicht vollzogen habe: Handeln wider besseres Wissen. Die bessere Einsicht werde den „Zwängen“ geopfert. „Trotz allem, erst recht.“ „Wenn schon, denn schon“. Die zynische Denkstruktur gehe mit einer Selbstdemontage hochkultureller Ethik einher.

Der neuzeitliche Zynismus äußere sich im schiefen Lächeln offener Unmoral, als seien die allgemeinen Gesetze nur für die Dummen da. Es seien Mächtige, die so lächeln. (So ist es wohl.) Die Perspektivlosigkeit und Zerrissenheit der heutigen Gesellschaft zeige sich in drastischen Gegensätzen: Skrupellose Unternehmer und abgebrühte Systemstrategen treffen nach Sloterdijks Beobachtung auf desillusionierte Aussteiger und ideallose Verweigerer. 
Die gegenwärtigen Vernunft-Zyniker seien Melancholiker, die ihre depressiven Symptome unter Kontrolle halten, um einigermaßen arbeitstüchtig zu bleiben. Denn dem Zynismus der Gegenwart komme es vor allem auf die Arbeitsfähigkeit seiner Träger an. Dumm sein und Arbeit haben – das sei das Glück. Intelligent sein und dennoch seine Arbeit verrichten – das sei das Unglück. Dumm und arglos könne das aufgeklärte Bewusstsein nicht mehr werden – Unschuld sei nicht wiederherzustellen.

Die gegenwärtig herrschenden Zyniker seien nicht dumm, so Sloterdijk – sie sähen durchaus das Nichts, zu dem alles führe. Die Naivität der anderen müsse gut geplant werden: Es sei für die Vernunft-Zyniker immer eine gute Investition, den naiven Arbeitswillen anderer zu pflegen.
Scharfe Einsichten in eine zynische Vernunft-Kultur. Empfehlenswert.

Wie Desinformation und Strippenzieherei ein Leben zerstören können.
Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist eines der bekanntesten Werke von Heinrich Böll (1917-1985), dem Nobelpreisträger für Literatur von 1972. Böll schrieb die 1974 erschienene Erzählung vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzungen mit der Springer-Presse – im Nachgang zu den Studentenunruhen und Gewaltdebatten der 1960er und 1970er Jahre.

Aus heutiger Sicht erscheint der Roman Katharina Blum wie aus der Anfänger-Epoche einer hässlichen Desinformationskultur. Zielgerichtete und Menschen verachtende Desinformation und Verleumdungen bis hin zu physischer Vernichtung politischer Gegner und sonstiger Andersdenkender haben sich vor allem zu einer Angelegenheit autoritär geführter Staaten und der von ihnen kontrollierten Medien, Polizeiapparate und Geheimdienste entwickelt – in ihrer Wirkung durch Globalisierung noch verstärkt.
Für alle diese Fälle aber passt Bölls Feststellung wie die „Faust aufs Auge“: „Wer tausendmal lügt, dem glaub ich nicht, auch wenn er EINMAL die Wahrheit sagt.“

Die Boulevard-Presse nimmt einige Jahrzehnte nach Bölls Erzählung (jedenfalls vordergründig) wohl eine weniger prominente Rolle in der politischen Diskussion als in den 1970er Jahren ein. Das Vorspiegeln vermeintlich einfacher Lösungen für immer komplexere Probleme, eine undifferenzierte Darstellung und das Verzerren der Wirklichkeit fördert – jedenfalls mittelbar und langfristig – den Nährboden eines abstoßend wirkenden Populismus, der ebenso wie Boulevard-Presse und willfährige Staatsmedien vom Glauben an Einfach-Lösungen und von „alternativen Fakten“ lebt.

Böll sagt in seinem Nachwort zu Katharina Blum fast entschuldigend: „Vorzuwerfen habe ich mir nur eins: daß dieses Buch zu harmlos ist.“ Ja, für unsere Zeit… viel zu harmlos.