Rüdiger Safranski stellt die wesentlichen Gedanken und Werke von Friedrich Nietzsche sehr klar und überzeugend vor – unter Verknüpfung mit der Biografie des Philosophen: Nur auf diese Weise lassen sich die teils widersprüchlichen Aussagen einordnen, die Friedrich Nietzsche zu unterschiedlichen Zeitpunkten seines Lebenslaufs entwickelte. Das Nietzsche-Werk Safranskis zeichnet sich durch einen klaren roten Faden aus. Der Autor verfügt über ein faszinierendes Universalwissen, das es ihm fast spielerisch ermöglicht, komplexe Zusammenhänge gut verständlich aufzuzeigen.

Safranski arbeitet die Verbindung Nietzsches mit dem zeitgenössischen Hintergrund heraus und verdeutlicht die gewaltige Wirkung Nietzsches auf nachfolgende Philosophen-Generationen, aber auch auf Politik und Gesellschaft. Gedankenlinien führen beispielsweise zu Sigmund Freud, Martin Heidegger, Thomas Mann, Henri Bergson, Adorno/Horkheimer und Michel Foucault. Der Autor erläutert, wie es dazu kam, dass einige Nietzsche-Äußerungen einseitig für bestimmte (insbesondere politische) Zwecke missbraucht werden konnten. Eine im Anhang befindliche „Chronik“ enthält eine nach einzelnen Kalenderjahren strukturierte, stichwortartige Nietzsche-Biografie.

Rüdiger Safranski verfügt über einen sehr gut verständlichen Schreibstil – bei dem jedoch jeder einzelne Satz von Bedeutung ist. Jedes Wort scheint bei Safranski abgewogen. Kein Satz ist überflüssig. Das heißt für den Leser: Jeder Satz muss „ernst genommen“ werden, nichts darf schnell einmal „überlesen“ werden – weil sonst das Verständnis für die fein gewobenen Gedankengänge des Autors verloren ginge.

Man wird bestimmt nicht jedem einzelnen Gedanken Nietzsches wortwörtlich folgen wollen, aber aus der wirbelnden Ideenwelt des Philosophen Friedrich Nietzsche ergeben sich sicherlich vielfältige Erkenntnisse und Gedankenanstöße.

Lesenswert – für jeden, der Grundlagen und Zusammenhänge europäischer Kultur verstehen möchte.

 

Kafka beschreibt in seinem Roman „Der Prozess“ einen Strafgerichtsprozess, in dem der rechtlose Angeklagten zum Spielball der im verborgenen agierenden Mächtigen wird. Es geht um den Kampf zwischen Macht und Freiheit.
Schuldig ist in den Augen der Macht, wer Widerstand leistet, wer auch nur zu widersprechen wagt, ja schon der, der sich nicht unauffällig und stromlinienförmig genug bewegt. Denn der Macht kommt es auf die Durchsetzung ihrer selbst, auf die Exekution von Abhängigkeiten an. Nur das scheint ihr innerer Zweck zu sein.

Die Mächtigen, die den Prozess führen, suchen sich das ihnen passend Erscheinende unter den formellen Regeln und Gesetzen heraus, um es für ihre Zwecke schonungslos einzusetzen. Möglichst vieles halten sie verdeckt und im Dunkeln: so zum Beispiel die Ursache und den Auslöser des Gerichtsprozesses. Das die Macht Störende – vielleicht gar nicht Justiziable – wird nicht benannt. Keinerlei Anklagepunkte legen sie gegenüber dem Angeklagten offen. Nichts wird über den weiteren Verlauf des Gerichtsverfahrens bekanntgegeben.

Die Drahtzieher des unsäglichen Vorgehens – und womöglich Richter in einer Person – bleiben dem Angeklagten unbekannt. Jedes offene Visier wird vermieden, während ausschließlich aus dem Hinterhalt operiert wird. Der Angeklagte ist den Mächtigen hilflos ausgeliefert. So funktionieren Kunst und Kultur der Klammheimlichkeit und Hinterhältigkeit.

Und was bedeutet schon Rechtssicherheit? Was heißt Moral?
Auch darauf gibt es eine einfache Antwort: Ein einheitliches Recht oder eine allgemeingültige Moral, auf die sich der Angeklagte stützen und berufen könnte, existieren einfach nicht. Niemand kann sich in dem von Kafka dargestellten Szenario auf Recht oder Moral berufen.

Kafka beschreibt die Zustände und die Menschen wohl so, wie sie eben sind. Werden da etwa Erinnerungen an Spitzelwesen und Korruption in bekannten, großen Organisationen wach, an das Meucheln von Missliebigen, die unter banalsten, ja lächerlichsten Vorwänden entfernt, ausgestoßen, „exekutiert“ werden, an gedungene, graue Handlanger, die sich bedenkenlos in den Dienst ihrer „Brötchengeber“ stellen?

Nur die Spitzen der grausamen Eisgebirge sind zur öffentlichen Besichtigung freigelegt.

Haben oder Sein – wohl eine Frage des Überlebens der Menschheit – und vielleicht aktueller denn je
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„Haben oder Sein“, das Hauptwerk des Psychoanalytikers und Philosophen Erich Fromm (1900-1980) erschien 1976Fromm vergleicht die Lebensformen des Habens und des Seins und entwirft eine individuelle und gesellschaftliche Vision der Wege, auf denen die Lebensform des Seins schrittweise erreicht werden könnte.

Der Lebenseinstellung des Habens werde, so Erich Fromm, von Gewinnsucht und Machtstreben bestimmt. Die Verhaltensweise des Habens löse Aggressionen aus und verursache Gier, Neid und Gewalt. Die Welt des „Habens“ habe sich im Mittelalter ausgebildet und führe die Welt heute in den psychischen und ökologischen Abgrund.

Um die sich nach Auffassung von Fromm abzeichnende Menschheits-Katastrophe noch abzuwenden, sei ein Übergang in die Lebensform des Seins unabdingbar. Zu den von Fromm vorgeschlagenen Maßnahmen gehören
• die allmähliche Entwicklung von Charakterstrukturen, die am Sein orientiert sind,
• die Eindämmung einer maßlosen Konsum-Orientierung,
• damit einhergehend der Übergang von der Vorstellung eines grenzenlosen auf ein selektives Wachstum sowie
• eine grundlegende Umorganisation von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.

Etliche Jahrzehnte nach seinem Erscheinen hat das Buch Fromms eher noch an Brisanz gewonnen – angesichts
betrügerischer Konzerne, die Verbraucher, Arbeitnehmer und natürliche Ressourcen weltweit hemmungslos ausbeuten,
• einer permanenten Gehirnwäsche, mit der einige Staaten und etliche Unternehmen ihre Interessen gegenüber Bürgern und Verbrauchern (teilweise sehr erfolgreich) durchzusetzen versuchen,
• einer Weltfinanzkrise, deren Ursachen noch längst nicht überwunden sind (Beispiel: Überschuldung von Verbrauchern, Banken und Staaten), sondern deren Symptome von Notenbanken mit einer gefährlichen Geldschwemme lediglich übertüncht wurden,
• eines krakenhaft um sich greifenden Lobbyismus, der zu einer teilweise abstoßenden Verquickung von Wirtschaft und Politik geführt und damit eine Aushöhlung von Rechtsstaat und Demokratie bewirkt hat,
• einer „postfaktischen“ Denkrichtung, die systematisch und religionsartig die Lüge zur Wahrheit verklärt sowie (nicht zuletzt)
• skrupelloser, machtorientierter, egomaner Despoten, die an die Paten einer Mafia-Organisation erinnern, denen es gelungen ist, höchste Staatsämter zu kapern.

Fromms Vision von der Lebensform des Seins ist von brennender Aktualität.

Reinhard Marx plädiert in seinem Werk „Das Kapital“ für eine globale soziale Marktwirtschaft als dritten Weg zwischen Markt und Marx, für eine aktive staatliche Ordnungspolitik, aber auch für Evolution statt Revolution. Das gut ausgearbeitete Leitmotiv „Gerechtigkeit“ ist der rote Faden, der sein Werk durchzieht.

Eine ausschließliche Ausrichtung auf Gewinnmaximierung könne keinesfalls ein sinnvoller Weg sein. Sinn ergebe sich erst in ethischer Ausrichtung, über moralische Wertmaßstäbe. Damit trifft Reinhard Marx den richtigen Kern, den Nerv unserer Zeit.

Angelehnt an Augustinus fragt Marx: Was ist eine Gemeinschaft ohne Gerechtigkeit anderes als eine Räuberbande? Auch eine Räuberbande verfügt ja bereits über einen Anführer, hat sich zu einer Gemeinschaft verabredet und teilt die Beute nach fester Übereinkunft. 
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Gelten diese Kriterien, die Augustinus auf Staaten bezog, nicht auch für alle heutigen Organisationen und Großunternehmen und insbesondere für diejenigen Mitglieder der ökonomischen Führungskaste, die senerzeit an der Auslösung der Finanzkrise beteiligt waren?

Reinhard Marx aber sucht stets den Konsens und möchte wohl am allerliebsten – ganz konsequent in seinem Denken – niemanden ausgrenzen, niemandem wirklich weh tun, möglichst zu jedermann eine hübsche Brücke bauen. Er vertritt engagiert überzeugende Positionen, scheint dann aber zuweilen deutlich an Konsequenz zu verlieren, versteht er doch immer, dass der ein oder andere „Räuber“ – leider, leider und nachvollziehbarerweise den einen oder anderen Einwand hegt, was es – abgewogenermaßen – natürlich zu berücksichtigen gelte…

Aber will sich wirklich jeder der von Reinhard Marx deutlich benannten „Räuber“ überhaupt mitnehmen zu lassen zu einer „gerechten“ Ordnung? Woher auch sollten die uns bekannten „Räuber“ nur so plötzlich den guten Willen zu ethisch-ehrenwertem Handeln nehmen..? Glaubwürdige Verhaltensänderungen setzen jedenfalls viel mehr voraus als zuweilen vorgetragene Proklamationen, im Angesicht der Finanzkrise vom Saulus zum Paulus geworden zu sein.