In seinem 2017 erschienenen Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ beschreibt der Diplomphysiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sehr fachkundig und zugleich unterhaltsam verschiedenste Facetten unserer Lebensweise – in einer historischen Übergangsphase, die von gesellschaftlichen Umwälzungen gekennzeichnet ist.

Der Autor vermittelt seinen Lesern zahlreiche Gedankenanstöße, die beim Reflektieren des „Fortschritts“ helfen. Yogeshwar beleuchtet die Symptome besorgniserregender Entwicklungen und zeigt die dahinterliegenden Ursachen auf, die mit einem zwar grundsätzlich unvermeidlichen, gegenwärtig aber all zu oft fragwürdigen Wandel verbunden sind.

Der „rote Faden“ des Buches erschließt sich erst während der gründlichen Lektüre. Wer zunächst nur das Inhaltsverzeichnis durchsieht, der erkennt den inhaltlichen Gesamtrahmen des Buches allenfalls fragmentarisch: Zu sehr wird in den Zwischenüberschriften mit bunten Sprachbildern gearbeitet, die zunächst mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben und auf ein bloßes Sammelsurium von „Geschichten“ (Buch-Untertitel) schließen lassen.

Doch in den darauf folgenden elf Kapiteln beschreibt Yogeshwar sehr fachkompetent und überzeugend aktuelle Entwicklungen in Themenbereichen wie Digitalisierung und Automatisierung, Internet und Medien, Risiken der Atomtechnologie, Gentechnik, Verhältnis von Mensch und Maschine, Gefahren einer Totalüberwachung, Umwelt und Ressourcenverbrauch, natürliche und von Menschen beeinflusste Evolution, Zusammenleben von Inländern und Ausländern, Bedeutung von Bildung sowie eine sich verstärkende Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und Vermögen.

Yogeshwar hinterfragt kritisch ein vorrangig am ökonomischen Fortschritt orientiertes Wirtschaftssystem, prangert einen verantwortungslosen Umgang mit den Ressourcen des Planeten Erde an und fordert neue Prioritäten für das Zusammenleben.

Mit großem Engagement plädiert Yogeshwar insbesondere für ein Überdenken unserer Lebensweise, die die Ressourcen unserer Planeten raubbauartig zulasten nachfolgender Generationen verzehrt. Nach Überzeugung von Ranga Yogeshwar sind die Regeln der Marktwirtschaft als alleinige Mittel zur Verantwortungsbewussten Gestaltung von Gegenwart und Zukunft nicht geeignet. Wir haben, so Yogeshwar, die Freiheit, aufkommende Entwicklungen mit gesundem Menschenverstandauch einmal abzulehnen und nicht einer überbordenden Werbemaschinerie, die den Konsumenten Bedürfnisse einredet, gedankenlos zu folgen.

Ziel des Autors ist nicht die Darstellung einer in sich geschlossenen Zukunftsvision, sondern vorrangig die Beschreibung der gegenwärtig wesentlichen Entwicklungsrichtungen. Yogeshwars Buch ist jedoch nicht nur eine Zusammenstellung von leicht verständlichen „Geschichten“, wie er im Untertitel bescheiden sagt. Als Wissenschaftsjournalist nimmt Yogeshwar auch engagiert und prononciert Stellung zu etlichen Unwuchten, die die westliche Lebensweise zulasten anderer Kulturkreise und nachfolgender Generationen kennzeichnet.

Yogeshwar warnt vor irrationalen Zukunftsängsten und plädiert stattdessen für einen offenen Umgang mit der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft – für eine „Welt, in der niemand auf Kosten anderer lebt – in der nicht die einen erwarten und die anderen erfüllen.“

 

Wieviel Streben nach Wahrheit tut gut? Zwischen innerer Wahrheitssuche und den Anforderungen der Außenwelt
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Rüdiger Safranski beschreibt eindrucksvoll verschiedene Wahrheitsmodelle und zeigt die Utopie von der Erreichbarkeit einer Übereinstimmung zwischen Innenwelt und Außenwelt auf.
Die Suche nach Wahrheit, so Safranski, setze zunächst die Trennung von Sein und Bewusstsein voraus – denn das Bewusstsein raube die unmittelbare Leichtigkeit des Seins. Es trenne die Gedanken vom Sein und löse damit Schmerz über den Verlust der „Einheit“ aus.
Wer alles leben wolle, was er zu Denken imstande sei, meint der Autor, der verwüste sein Leben.
Wer nichts zu denken wage, weil er das Gedachte dann vielleicht nicht konsequent umsetzen könnte, dessen Leben verarme.

Safranski beleuchtet die Wahrheits-Bilder insbesondere von Rousseau, Kleist und Nietzsche, die sich „gegen den Rest der Welt“ gestellt hätten.

Rousseau sei davon überzeugt gewesen, dass bestimmte Formen der Vergesellschaftung den Menschen in die Unwahrheit geführt haben. Streben nach Besitz führten zu Konkurrenz, Macht, Hierarchie, Misstrauen, Maskaraden und Täuschungen. Nur der Rückzug aus gesellschaftlichen Konventionen könne zur Entdeckung der Wahrheit in sich selbst führen.

Kleist habe die empfundene Sinnlosigkeit zunächst mit der Entwicklung und Verfolgung eines Lebensplans überwinden wollen, der den Zufall („Signatur der Sinnlosigkeit“) ausschließen sollte. Sein Lebensplan sei beseelt vom Geist des Machbaren und vom Willen zu schrankenloser Selbstbewirtschaftung. Aus Sicht von Kleist habe jedoch Kant (der „Alleszermalmer“) das Vertrauen in die Vernunft dadurch vernichtet, dass er die Nichtexistenz einer absoluten Wahrheit nachgewiesen habe. Nachdem der Glaube Kleists an die Vernunft zerstört gewesen sei, hätten sich ihm Ehrgeiz und Geltungsdrang als „Gift für alle Freuden“ dargestellt. Die Welt sei nur als ästhetisches Phänomen zu rechtfertigen.

Nietzsche habe sich als Aufklärer gegen Illusionen und Einbildungen (die „Unterwelt des Ideals“) verstanden. Am Anfang seiner Religionskritik stehe die Erkenntnis, dass erst der menschliche Geist die Religion hervorgebracht habe. Anstatt die Erde in ein Paradies zu verwandeln, richteten sich die Hoffnungen der Religion auf ein eingebildetes Jenseits. Nietzsche habe versucht, das als unerträgliche empfundene Leben durch Philosophie, Weisheit und Kunst in eine unendliche Leidenschaft zu verwandeln. Nietzsche stelle auch die Frage danach, wie viel Wahrheit ein Mensch brauche – nach der Proportionalität des Bekömmlichen. Zuletzt bestehe Nietzsches Wahrheit in der Erkenntnis einer sinnverlassenen Welt. Leben sei „Wille zur Macht“ – vor allem über sich selbst.

Die Traumata von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg: Eingewoben in die Persönlichkeiten der Nachkriegsgeneration
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Traumatische Erlebnisse haben einen großen Teil der Kriegsgeneration tief geprägt. Sabine Bode beleuchtet in zwanzig  Kapiteln psychische Auffälligkeiten, die für viele Persönlichkeiten der Nachkriegsgeneration (Kriegsenkel) und deren Familien charakteristisch sind.
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Eine systematische Trauma-Verarbeitung war der Kriegsgeneration angesichts eines seinerzeit chaotischen Umfeldes jedoch kaum möglich. Nicht verwunderlich ist daher, dass die Erziehung vieler Kriegsenkel (der Nachkommen der Kriegskinder) von den traumatischen Erlebnissen der Elterngeneration stark beeinflusst wurde.
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Sabine Bode zeigt auf, dass in der deutschen Nachkriegsgesellschaft über Jahrzehnte hinweg zwar eine Schulddiskussion stattfand, hierbei jedoch die Folgen von Nationalsozialismus und Kriegstraumata auf die Kriegsenkel  nicht thematisiert wurden. Erst Anfang des 21. Jahrhunderts (mehr als 50 Jahre nach Kriegsende) begann die Aufarbeitung derjenigen Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges, die die Kriegsenkel-Generation trafen.
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Viele Kriegsenkel haben sich mit ihrem Trauma-Erbe oft über Jahrzehnte herumgequält, aber vergeblich nach einem Schlüssel zu bestimmten Merkmalen der eigenen Persönlichkeit gesucht. Wer als Kind eines Kriegskindes (insbesondere eines Flüchtlingskindes) das Verständnis für die Entwicklung seiner Persönlichkeit noch nicht gefunden hat, der dürfte bei Sabine Bode wohl häufig rasch fündig werden.
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Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – für alle diejenigen aus der Nachkriegsgeneration, deren Eltern möglicherweise nie verarbeitete Kriegstraumata erlitten haben. Viele Leser aus dieser Zielgruppe dürften rasch zu verblüffenden und zugleich erleichternden Einsichten und Antworten zu bisher unbeantworteten, bedrückenden Fragen gelangen.

Die wohltemperierte bürgerliche Zufriedenheit – Grundlage für bevorstehende politische Umbrüche und Krieg?
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Hermann Hesse, Literatur-Nobelpreisträger von 1946 zeichnet in seinem 1927 erstmals erschienenen Werk ein dunkel-düsteres Bild seiner Epoche.

Scharfe Kritik richtet Hermann Hesse gegen das Bürgertum, das bestrebt ist, sich allzu gemütlich einzurichten und notwendiges Engagement für zentrale gesellschaftliche Werte vermissen lässt – weit weg von ursprünglicher Natürlichkeit einerseits und vom erforderlichen Einsatz für gesellschaftlichen Fortschritt andererseits. Hesse ahnt den nächsten Krieg voraus und benennt als Kriegsgründe niedere Beweggründe wie Mordlust.

Etliche der von Hesse beschriebenen Bilder scheinen epochenunabhängig Geltung beanspruchen zu können – besonders für Zeiten, in denen sich Umbrüche andeuten. Hoffnung auf eine individuelle Weiterentwicklung ergibt sich aus den zahlreichen Teildimensionen einer Persönlichkeit, die sich vielfältig miteinander kombinieren lassen und damit immer wieder Neues ermöglichen.
Preis: EUR 9,00

Sun Tsu: Die Lehre von der cleveren Skrupellosigkeit – oder: Je größer das Schaf, desto dunkler das Fell
Zweifellos können viele der Ratschläge des chinesischen Generals Sun Tsus (544–496 vor Chr.) nicht mehr wörtlich genommen werden, sondern sind in unsere Zeit zu „übersetzen. Sun Tsu kann als Ratgeber für den bestmöglichen Einsatz der eigenen Kräfte und für das effiziente Haushalten mit den eigenen Mitteln verstanden werden.

Mit Moral aber haben die Gedanken Sun Tsus ausdrücklich nichts zu tun: Es geht ihm darum, mit eben allen zur Verfügung stehenden Mitteln den „Sieg“ zu erreichen. Als höchste Kunst erscheint ihm explizit diejenige des Täuschens und Betrügens, um zum Ziel, zum „Sieg“ zu gelangen.

Dies aber ist doch eine sehr beschränkte Sicht der Dinge, genauer gesagt, eine Weltsicht, die in der Gefahr steht, sich auf Skrupellosigkeit zu reduzieren: Der Zweck („der Sieg“) heiligt jedes Mittel, jede Hinterhältigkeit, jede Rücksichtslosigkeit, jede Brutalität. Das aber hat der Weltgeschichte schon mehrmals nicht besonders gut getan.

Der (militärische) „Sieg“ hat bei Sun Tsu den Anklang einer Ersatzreligion. Aber verdient es Sun Tsu deshalb schon, zum Philosophen geadelt zu werden? Das Frösteln im Angesicht seiner brutalstmöglichen Eiseskälte, die sich auch in heutigen Lebensformen wiederfindet, ist wohl nicht als Reflex auf die „Liebe zur Weisheit“ zur verstehen… Die wahren „Feinde“ des Gemeinwesens sind auf Dauer diejenigen morallosen Technokraten, in deren merkwürdig verengtem, tunnelartigem Denken zuletzt jedes Mittel zur Zielerreichung recht ist.

Empfehlenswerte Lektüre für jeden, der die Denkweisen von Despotien in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik verstehen und gerne einmal in die tiefsten Abgründe der Gewissenlosigkeit blicken möchte. Als Pflichtlektüre natürlich auch angehenden Völkerrechtsverletzern und Kriegsverbrechern dringend anzuraten. Dreimal hoch lebe die „clevere“, kaltschnäutzige, brutalstmögliche Skrupellosigkeit.

Strukturmodell der Psyche: grundlegend für die Psychoanalyse
1923 veröffentliche Sigmund Freud die Abhandlung „Das Ich und das Es“, in der er die Funktionsweise der Psyche erläutert. Die Lektüre eignet sich für alle, die an einer besseren (Selbst- und Fremd-) Erkenntnis der (überwiegend unbewussten) psychischen Vorgänge interessiert sind. Grundlegende Vorkenntnisse zum Strukturmodell der Psyche (Ich, Es, Über-Ich) erleichtern das Verständnis etlicher (ansonsten vielleicht zu komprimiert erscheinender) Gedanken Freuds.

Sigmund Freud erläutert in „Das Es und das Ich“ unter anderem
• die Struktur der Psyche und das Zusammenwirken der „Instanzen“ Ich, Es und Über-Ich,
• die Eigenschaft des Über-Ichs als eines Teiles des Ichs, das wiederum einen besonderen Bestandteil des Es darstellt,
Verdrängung und Widerstand,
das Bewusste, das Vorbewusste und das Unbewusste,
• die Bedeutung von „Wortvorstellungen als Erinnerungsresten“ (für den Bereich des Vorbewussten),
• bewusste Schuldgefühle (insbesondere als Spannungen zwischen Gewissen (bewusster Teil des Über-Ichs) und Ich)
• die unbewussten Schuldgefühle,
• die Ablösung von „Objektbesetzungen“ durch „Identifizierungen“ (im Ich),
• Entstehung und „Zertrümmerung“ des Ödipus-Komplexes (in „einfacher“ und „vollständigerer“ Ausprägung),
• die zwei grundlegenden Triebe Sexualtrieb (Eros) und Todestrieb,
• das Phänomen der „verschiebbaren Energie“ innerhalb der Psyche und
• die Unterschiede von Melancholie und Zwangsneurose (unter Berücksichtigung der Elemente des Strukturmodells der Psyche).
Preis: Hier auf Amazon.de

Exzellente Einführung in die Philosophie Jean-Paul Sartres
Hervorragende Heranführung an die existenzialistische Philosophie von Jean-Paul Sartre (1905-1980). Die bedeutendsten philosophischen Werke Sartres werden ausführlich und verständlich besprochen, insbesondere
– Die Wörter
– Der Ekel
– Der Existenzialismus ist ein Humanismus
– Das Sein und das Nichts

Die „Einführung“ überzeugt durch Systematik und gute Nachvollziehbarkeit. Nach der Lektüre ist die Tür zu den Originalwerken Sartres weit geöffnet.
Empfehlenswert.

Der 1954 erschienene Roman „Herr der Fliegen“ („Lord of the flies“) ist das erste und zugleich bekannteste Werk des englischen Schriftstellers William Golding (1911-1993), des Nobelpreisträgers für Literatur 1983. Der Autor zeichnet das skeptische Bild einer gewaltbereiten, für eine schnelle Verrohung anfälligen menschlichen Natur.
William Golding beschreibt den ungleichen Kampf zwischen Zivilisation und dem Recht des Stärkeren:
Nach einem Flugzeugabsturz strandet eine Gruppe von Jungen im Alter zwischen 6 und 12 Jahren ohne Begleitung Erwachsener auf einer unbewohnten Pazifikinsel. Obwohl sozialisiert und von der westlichen Zivilisation geprägt, setzt sich in der Gruppe rasch das Recht des Stärkeren durch. Weniger starke Charaktere entwickeln sich zu reinen Mitläufern. Individuelle Charakterzüge gehen in einem fortschreitenden Prozess der Ent-Individualisierung verloren. Die Herausbildung von Masken verdrängt die Individualität und schafft die Voraussetzung für die Trennung von erlernten Werten. Die schnell verrohten Inselbewohner schrecken schließlich selbst vor Mord nicht mehr zurück.
Preis: Derzeit nicht verfügbar

Der Schriftsteller Siegfried Lenz zeichnet sich durch eine einzigartige, spielerisch-leichte Sprache und seine auch emotional eindringlichen Botschaften aus, mit der der Autor jeden Leser in seinen Bann zieht.
Die vielleicht bedeutendsten drei Werke von Siegfried Lenz (1926 – 2014) präsentiert der Verlag Hoffmann und Campe in einem optisch ansprechenden Schuber:
• Der politisch engagierte Roman Deutschstunde behandelt das Schicksal eines Jugendlichen während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit.
• Eine tragisch endende Liebesbeziehung zwischen einem Schüler und seiner Englischlehrerin bildet den Inhalt der Novelle Schweigeminute.
So zärtlich war Suleyken umfasst zwanzig Kurzgeschichten, die das Lebensgefühl der masurischen Heimat des Autors wiedergeben.

Das zweiteilige Werk des systemvergleichenden Politikwissenschaftlers und Philosophen Alexis de Tocqueville (1805-1859) erschien 1835/1840. In einer historischen Momentaufnahme untersucht Tocqueville die Beziehung von Monarchie und Aristokratie zur Demokratie und nimmt eine Vorausschau künftiger Entwicklungen vor.

Tocqueville analysiert die aus seiner Sicht bestehenden strukturellen Stärken und Schwächen der Demokratie: Messerscharf in der Analyse – und zuweilen nahezu seherisch – untersucht er die Probleme des modernen Massenstaates.

Die von der Demokratie beförderte Gleichheit bewirke Individualität und Vereinzelung. Als Gegengewicht diene die Schaffung von Vereinigungen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken. Ziel sei es nicht, zu verhindern, dass jeder seinen eigenen Interessen folge. Jeder aber solle im eigenen Interesse anständig sein (Lehre vom wohlverstandenen Interesse). (Merkwürdig klingt vor diesem Hintergrund das „postfaktische“ Aufbegehren gegen das – eigentlich selbstverständliche – Gebot der „Korrektheit“).

Das Prinzip der sozialen Nützlichkeit und das Dogma der politischen Notwendigkeit könne in einem demokratischem System den Anlass geben, die individuellen Rechte mit Füßen zu tretenEs gehe also darum, – nicht zuletzt durch Gewaltenteilung, Subsidiaritätsprinzip und Förderung der Gemeindender zentralen Gewalt Grenzen zu setzen. Keine Nation, keine Organisation könne auf Dauer stark bleiben, wenn das Individuum in ihr schwach sei.

Alle Despotien seien in ihre Schranken zu weisen. Gefahr resultiere aus der Allmacht demokratischer Mehrheit. Denn irrtümlich werde angenommen, dass die Mehrheit als solche bereits über größere Weisheit als jeder Einzelne verfüge. Ganz im Gegenteil drohe eine Tyrannei der Mehrheit, die über die Neigungen und Triebe eines Despoten verfüge. Ziel müsse es daher sein, die Macht der Mehrheit zu mäßigen.

Jede Zentralgewalt liebe Gleichheit und Einheitlichkeit: Das erspare ihr die Prüfung vieler Einzelfälle. Zentralisierung vermindere aber sogleich den Bürgergeist; jede Allmacht lasse schließlich die Weisheit vermissen. Die Stärke jeder zentralisierten Verwaltung führe so eines Tages zu ihrem eigenen Untergang. Sie sei am Ende für Zerfall und Eroberung reif.

Die industrielle Klasse trage den Despotismus in sich. Die industrielle Aristokratie bewirke mit immer extremerer Arbeitsteilung die Verdummung und Verelendung der von ihr benutzten Menschen. Diese seien nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere. Die Fähigkeit, selbständig zu denken, zu fühlen und zu handeln, gehe verloren. (In ihrer – hier recht schmucklosen – Brutalität ist der Analyse des Liberalen (!) Tocqueville leider nichts hinzuzufügen.)

Díe Einsichten Tocquevilles schaffen nicht zuletzt Verständnis für einige der US-amerikanischen Wurzeln und die dortige Mentalität. Sie erklären vieles aus der „Ursuppe“ amerikanischen Denkens und Handelns.

Die Wucht seiner mächtigen Analyse hat nicht nur Zeitgenossen wie John Stuart Mill, dem vielleicht bedeutendsten englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, eines Begründers des Liberalismus und den (Wiesbadener) Philosophen Wilhelm Dilthey nachhaltig beeinflusst.